Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (8)

nur Kulisse auf Leinwand und Holz gepinselt ist, aber der gut 
willigen Selbsttäuschung ihres Erhaltungstriebes genügt. („Denen 
kann ich niemals erklären, wie es kam, denn sie erdrücken mich 
mit ihrer Logik, die nur an der Oberfläche des Geschehens ihre 
Schlüsse findet. . . und dadurch Recht behält.") Das Gewissen 
wird gepeitscht, bis es blutet, aber da sind die Blutstropfen 
Sterne, ein neuer Himmel flammt, an dem kein Schwert sein darf. 
Christus stirbt. Aber die zwei Schächer: der Judas an sich sel 
ber, der Einäugige, im Selbstmord verspätet sich entsühnend, und 
das Strassenmädchen, die als einzige der ekelhaftere Mord „Im 
Namen des Königs" rebellisch macht, werden am selben Tage 
noch mit ihm im Paradiese sein. 
Diese Anklage für Aeonen brennt Stigmen ins Fleich, die 
ein Zeugnis-Ablegen mit dem ganzen Menschen fordern .Es sollte 
freigebigst unter die Hoffnungsvollen, unsre Sintflut Ueberleben- 
den verteilt werden! 
„Aber es gibt ein Kreuz in grauer teuflischer Einsamkeit. 
An diesem furchtbaren Kreuz hängt der krummgenagelte Mensch, 
der nicht mehr rachsüchtig sein, sich nicht mehr wehren kann 
und will, weil er weiss, dass alle, die ihm Böses antun, dass 
auch der brutalste Mörder nur ein armer Lump und ohne Schuld 
ist. Weil man ja auch ihn so lange gepeinigt, gedemütfgt, ge 
schlagen, hat bis er ein bösartiges, gefährliches Tier wurde , . . 
Der Mensch, der das weiss und danach handelt, der hängt an 
dem schaurigsten Kreuz, auf dem schaurigsten einsamsten Gipfel. 
Denn ihn quälen alle, weil sie fühlen, dass er nicht zurück 
schlägt." 
Die Dichtungen Leonhard Franks spenden das Sakrament 
von Erschütterungen, die zum Gelübde für den langwierigsten 
Passionssteg wappnen und Revolutionen segnen, die fruchtbar 
sind, weil sie reinen Herzens sind. Gebenedeit, wen es erreicht, 
ehe sein Armsünderglöcklein schlug! 
Max Herrmann (Neisse) 
Die Entschuldigung 
Plötzlich sah er sich in einem grossen Ladenspiegel auf sich 
zukommen. Er ging rascher und blieb knapp vor der Scheibe 
stehen. 
Regungslos betrachtete er lange sein Gesicht, ohne an 
irgendetwas j zu denken. Nur ein leises Wollustgefühl war in 
ihm. Als er in seine Augen sah, musste er schnell davon. 
Fast wäre er mit einer sehr dicken alten parfümierten 
Dame, die vor dem Schaufenster stand, zusammengestossen. 
Dennoch zog er ratlos den Hut. Dabei ging es ihm durch den 
Kopf: wenn sie mich vor dem Spiegel beobachtet hätte, o wie
	        

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