Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (8)

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er darüber, dass ihn dieser Umstand gedrängt hatte, nun zu spre 
chen und so kam etwas Nervöses, Zittriges inseine Rede: „Aber 
das Problem ist wirklich sehr ernst. Man braucht doch nur zu 
bedenken, dass es sich hier um eine Angelegenheit handelt, die 
in alles hinübergreift. In der Kokotte ist dieses Problem ge- 
wissermassen verdichtet und durch das Geld kompliziert. . .“ 
Er hielt inne, da er damals die gleichen Worte gebraucht hatte. 
Nun schämte er sich deshalb, obwohl er es durchaus ohne Vorbe 
dacht getan hatte. Gegen seinen Willen sagte er aber nun doch 
Neues: „Doktor Mal ahnte ja nicht, dass er recht hatte. Auch 
der niedrigsten Kokotte, die Trieb und Berechnung nicht mehr 
zu unterscheiden vermag, bleibt ein furchtbares Märtyrtum, trotz 
allen Zoten und trotz aller Habgier. Denn sie ist ein Opfer, 
ein schreckliches Opfer, das sich oft sogar fast bewusst hinopfert. 
Ein Schurke, wer hier richtet! Und dann das Geld! Dass man 
es immer noch angreifen kann, da man doch weiss, dass es auch 
hier rollt! . . . Welcher Teufel muss das Geld erfunden haben 
und welcher Mensch konnte es zum ersten Mal benützen! Aber 
welcher Hallunke konnte sein Opfer darum betrügen!. . ." 
Scharoll hatten seine Worte aus sich hinausgerissen. Er 
kam sich wie nackt vor. Es fröstelte ihn. Da fiel es ihm auf, 
dass er von einem weit zurückliegenden Erlebnis, das ihn sehr 
aufgewühlt hatte, überwältigt worden und von seinem Ursprüng 
lichen Gedankengang weggeraten war. Ja wie von meinem 
Vorsatz .... und genau wie soeben Kanulf selbst von etwas 
anderem . . . Das brachte ihn sofort zurück. Er schwieg und 
wartete, fast ohne zu atmen. 
Kanulf, dessen Unsicherheit während seiner jüngsten Worte 
immer mehr gewachsen war, hatte die Leidenschaftlichkeit Scharolls 
gehässig gemacht. Da er das jedoch fühlte, vermehrte es seine 
Unsicherheit noch. Um sich zu sammeln, betrachtete er Scharolls 
Hand, die vom Tisch herabhing. Da quoll es in ihm auf, als 
müsse er ihm etwas Liebes sagen. Nun wusste er sich nicht 
mehr zu helfen und fragte viel zu laut: „Seit wann sind Sie in 
Berlin?" 
Scharoll betrat eine Bereitschaft, deren Angespanntheit ihn 
fast schmertzte. „Seit wann? ... Ja, seit einigen Wochen . . . 
Das wissen Sie aber doch . . 
„Gefällt es Ihnen hier?“ 
„Es ist doch ganz gleichgültig, wo man lebt." 
„Würden Sie denn auch in einem ganz kleinen Dorf, im 
Harz zum Beispiel leben können?" 
„Ja, wenn ich dort leben könnte.“ 
„Ja, warum sollten Sie denn dort nicht leben können ? . . . 
Ach so ... ja natürlich . . ." Kanulf war geradezu erbost darü 
ber, dass er es nicht sofort verstanden hatte. Fast wusste er schon,
	        
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