Full text: Sirius : Monatsschrift für Literatur und Kunst (8)

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Leonhard Frank 
Das sind die stärksten Dichtungen, die unsre verborgenste 
Wesentlichkeit um und um wühlen zur schlackenlosen Geburt 
und diesen neuen Menschen in sichselbstverblutendes Bekenntnis 
treiben, Wo wir klein waren und uns mit Hass heilen wollten, 
wo wir dem über uns Verhängten allen Schimpf antaten, um es 
zu vernichten, da siegen die dornengekrönten Schöpfer, Zerrun 
gen von unerbittlicher Justiz übers eigene Gewissen, indem sie 
dem Verhängnis gerecht werden, und so restlos erledigend und 
vollkommen ist ihre Tat, von der Schwere der Selbstüberwin 
dung ln Reife wuchtend, dass sie mit einer unendlichen Gebärde 
auch uns noch endgültig vor Gott rächt. Das sind die Bücher, 
die Religiosität, Ethos, Geistigkeit und umstürzende Gewalt in 
einem grossen und wahrhaft erlösenden Sinne haben, die das 
Verbrauchte einer ganzen Epoche zu nichts brennen und mitten 
in unser Leben hinein eine Jakobsleiter bauen. Gesegnet, wenn 
sie uns noch erreichen, eh es zu spät wird. 
Der Roman „Die Räuberbande" lässt uns geläutert werden 
in des armen Michael Vierkant Jugendsklaverei, jähem Aufschwung, 
Tod und Verklärung. Nichts bleibt diesem Oldshatterhand grausig 
süsser Flegeljahre geschenkt, und selbst in dem späten Augen 
blick, wo der kürzeste Weg schon so nahe grüsst, reisst ihn der 
Dämon zur verhängnisvollen Kurve. Alles wird ihm abverlangt 
bis aufs Herz und immer steht er verlassen an einer Kreuzung, 
wenn die andern schon auf breiter Heerstrasse sich tummeln. 
Die unbekümmert-rabiate Indianerei der Kälberzeit ist ihm ein 
Pfand für etwas Wirkliches noch, als die Genossen längst sich 
zu vielfältiger, einrenkender und Fühlung nehmender „Gesetzt 
heit“ hinüberzutasten begannen, Künstlertum kommt wie ein 
Nachtwandeln über ihn, und vom vermeintlichen Mentor 
trifft ihn hinterrücks der Hieb, von dem er sich nicht mehr 
erholt. Die Schlinge Demütigung würgt seinen Hals, er zappelt, 
prallt zurück, wenn ein Blitz die runde Gemeinheit der Nicht- 
zufassenden jäh erhellt wie in jener Höllenvision des Schlacht 
hofes, lockert sie scheinbar und knüpft sie nur umso zielbewuss 
ter wie im Spessartidyll, will sie sacht abstreifen unter der Sonne 
Genuas, aus der die Todesfahrt ins Eiskalte steil hinuntersaust. 
Der Moloch Verleugnung steht protzig starr wider ihn auf, und 
weil dem armen Oldshatterhand die Muskeln für diesen Kampf 
von Kind an zerschnitten sind, wählt er das Unwiderrufliche, 
das eine halbe Flucht ist. „Es gibt nur zweierlei: lügen wie 
die Andern, sein wie sie oder ihre Verachtung verachten, einsam 
sein. Blicke auf das Lächeln der Verheissung auf meinem Gesicht 
und töte das Schwache und Feige an dir." Viel Grausiges und 
Süsses versinkt. Die rührend-ungenierte Andacht beim selbst
	        
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