Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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zu Zwerggemeinden verkrüppelt und die Rittergüter 
wie Unkraut aus der Erde geschossen. Im bevölkerten 
Westen gab es nach der Revolution sozusagen über 
haupt keine Rittergüter mehr; der menschenarme 
Osten aber zählte neben rund 25,000 Landgemeinden 
etwa 15,000 Rittergüter. Diese Entwicklung hatte natür 
lich auch scharfe rechtliche Gegensätze geschaffen. 
Nun sollte die von Hardenberg eingesetzte Kom 
mission die beiden grundverschiedenen Welten ver 
söhnen. Höheren Orts war dieser Kommission in 
zwischen bedeutet worden, die ostelbischen Rittergüter 
nicht anzutasten. Hardenbergs schöne preußische Ge- 
meirideordnung erlitt also gleich hier einen empfind 
lichen Stoß, denn die Eingemeindung der Rittergüter 
wurde untersagt. Im übrigen führte er seine Gemeinde 
ordnung so liberal als möglich durch. Die Gemeinde- 
initglieder erhielten gleiche Rechte, Freizügigkeit, 
Selbständigkeit in der Entscheidung ihrer Angelegen 
heiten, Schulzen uüd Schöffen, die staatlich und nicht 
mehr gutsherrlich bestallt wurden usw. Die Zwerg 
gemeinden des Ostens sollten zu „Samtgemeinden“ ver 
einigt und diese wiederum vom „Kreis“ verwaltet 
werden. Für die „Kreistage“ sollte das persönliche 
Stimmrecht der Rittergutsbesitzer wegfallen, und sie 
sollten^ wie das schon in dem oben erwähnten Gen 
darmerieedikt gefordert wurde, nicht mehr das Recht 
haben, den Landrat vorzuschlagen. 
Mit der integralen Durchführung der Stein- und 
Hardenbergschen Reformen wäre die Basis des rück 
ständigen Feudalismus gebrochen und Preußen von 
seinem Krebsschaden befreit worden. Denn so 
lächerlich gering auch die Rechte der von Hardenberg 
erträumten Volksvertretung sein sollten, die Bahn für 
eine fernere freie Entwicklung wäre frei gewesen. 
Aber das Junkertum faßte dies sofort als eine Frage 
um Sein und Nichtsein auf. Der König selbst hatte, 
wie gesagt, einen aufrichtigen Widerwillen gegen 
alles, was irgendwie nach Konstitution und Volks 
rechten aussah. Die Junker hatten daher leichtes Spiel, 
ihm die Bestrebungen des „alten Jakobiners“ Harden 
berg als höchst staatsgefährlich hinzustellen. Harden-
	        

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