Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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beug blieb zwar im Amte, aber ohne jeden Einfluß. 
Als er kurze Zeit nachher starb, nahm der König die 
Botschaft vom Tode des Mannes, dem er so ungeheuer 
viel zu verdanken hatte, mit derselben Gleichgültig 
keit hin, mit der er einst Stein entlassen hatte. 
Mit dem Sturze Hardenbergs war die Junkerpartei 
p numsohränkte Gebieterin der preußischen Politik 
geworden. Nächst dem intriganten Fürsten Wittgen 
stein und dem Feind der demokratischen preußischen 
Landlwehr, idem Prinzen Karl von Mecklenburg, er 
stand ihr jetzt ein ganz neuer uhd unendlich einfluß 
reicher Führer in der Person des preußischen Kron 
prinzen selbst. Der Kronprinz und nachmailige König 
Friedrich Wilhelm IV. ist der Vater des Gesetzes vom 
5. Juni 1823 „wegen Anordnung der Provinzialstände“, 
das eine Verneinung der modernen Staatseinheit und 
eine Kräftigung des Partikularismus im Sinne des 
Junkertums bedeutete. Preußen besaß damals acht 
Provinzen und jede derselben erhielt jetzt eine Ver 
fassung für sich, das heißt also Feudalstände, die nach 
Belieben die Ordnung ihrer Kreise regelten. Ohne 
Grundbesitz kein Sitz in der „Standschaft“. Die alten 
Ständeeinteilungen: Fürsten und Herren, Ritter, Städte 
und Landgemeinden wurden sorgsam wieder aus 
gegraben. Jeder Rittergutsbesitzer war ein geborenes 
Mitglied des Kreistages, die Landgemeinden waren 
nur durch wenige Abgeordnete vertreten. 
Die Junker unter Friedrich Wilhelm IV. 
Die kommenden Jahrzehnte der preußischen Ent 
wicklung sind gefüllt mit einem bald offenen, bald 
heimlichen Kampf des Junkertums gegen die Bureau- 
kratie. Dieser Kampf, Junker gegen Bureaukraten, 
bricht in Preußen immer dann aus, wenn der gemein 
same Feind beider, der Liberalismus, ohnmächtig am 
Boden liegt. Ein klassisches Beispiel dafür bietet uns 
die jüngste Zeit: Im Zustande des Burgfriedens (das 
heißt also nach der Wegdekretierung der liberalen 
Opposition) kämpft der preußische Landwirtschafts 
minister von Schorlemer gegen den Lebensmittel
	        

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