Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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Darin täuschte sich von Roon gründlich. Bismarck 
wußte, was er tat und für wen er es tat. 
Meisterhaft wußte BismJarok jede Festigung des 
parlamentarischen Gedankens und Regimes zu ver 
hindern. Weniger meisterhaft, aber um so brutaler 
knebelte er auch die neu auftretende sozialistische Be 
wegung. Fortan konnte Bismarck sein eigentliches 
Ziel als erreicht betrachten und sich ganz wieder seiner 
ersten unld einzigen Liebe hingeben, die in keinem 
Augenblick aufgehört hatte, ein ostelbisches Idyll 
(wenn auch mit modernisierten Außenseiten) zu sein. 
Vom Freihandel ging Bismarck über, zum „Schutze 
der nationalen Arbeit“, das heißt, er unterstützte „not- 
leidende Agrarier“ und schuf Schutzzölle. Was sich 
im Laufe der liberalen Aera und der Kriegspolitik 
bürgerlicherseits in maßgebende Stellen eingedrängt 
hatte, das wurde entweder beseitigt oder aber feudalisiert. 
Die Junker im modernen Preußen. 
Mit einigen leicht zu verwindenden Kratzern hatte 
sich das Junkertum unter Bismarcks genialer Führung 
aus dem Strudel der R e volutionszeit und der Kriegs- 
ereignisse herübergerettet in die moderne Welt. Nichts 
oder fast nichts war ihm verloren gegangen, und bis 
auf den heutigen Tag hält es alle seine politischen Pri 
vilegien ungeschiwächt aufrecht. Und noch immer pro 
testiert es lebhaft gegen jede (aber auch jede) liberale 
Reformidee. Noch immer predigt es die Rückkehr zur 
guten, schönen Zeit der Batrimonialobrigk eiten. 
Im ersten Augenblick hatten die Männer der 
„Kreuzzeitung“ äußerst heftig gegen das neue Reichs- 
tagswiahlrecht protestiert. Auch Bismarck hatte im 
stillen immer eine so lebhafte Abneigung gegen diese 
demokratische Einrichtung, daß er sich Ende der 60er 
Jahre mit der ausgesprochenen Absicht trug, „den 
ganzen Klimbim“ wieder äbzuschaffen. Aber im Laufe 
der Zeit überzeugten sich die Junker, daß dieses Wahl 
recht und dieser Reichstag ihrer Machtstellung in 
keiner Weise Abbruch taten. Ein Parlament ohne ver 
antwortliche Minister, ohne Kontrollrechte über die
	        
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