Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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listeng es etz es dnrcli die revolutionären Predigten der 
„Roten“ nicht die geringste Einbuße erlitten. Im Ge 
genteil: Die Zahl der Fideikommisse wurde fortgesetzt 
vermehrt, die schutzzöllnerisehe Agrar- unld „Dum- 
piüg“-Politik immer großartiger entwickelt und die 
Stellung des adeligen preußischen Offiziers immer mehr 
gefestigt. Auch die Sozialdemokratie mitsamt ihrem 
wissenschaftlichen Theoriengebäude konnte also von 
den Herren in Kauf genommen werden. Wie recht sie 
mit der „Duldung“ dieser Revolutionstheorie hatten, 
hat der 4. August 1914 glänzend bewiesen. 
Welches Bild also erhalten wir, wenn wir die Ent 
wicklung des Junkertums im Staate Preußen be 
trachten 1 ? 
Ganz allgemein muß zunächst festgestellt werden, 
daß die „Junkers ihre Autorität“ nicht „ruiniert“ wor 
den ist. Sie besitzen heute in Preußen noch so ziemlich 
dieselbe Macht wie zu den Zeiten Friedrichs des Gro 
ßen. Wenn sich die Machtvollkommenheiten auch der 
Form nach geändert haben, so sind sie anderseits für 
die politische Wirklichkeit nicht nur dieselben geblie 
ben, sondern sie sind auch infolge der Reichsgründung 
„mit preußischer Spitze“ seit vierzig Jahren auf ganz 
Deutschland ausgedehnt worden. 
Gewiß besteht heute in Preußen keine eigentliche 
Patrimonialgerichtsbarkeit mehr. Mit Ausnahme der 
Fideikommisse besitzt Preußen heute dieselben mo 
dernen Rechtsformen und Normen des Eigentums unld 
der Zeitpacht wie andere Kulturstaaten auch. Ferner 
gibt es in Preußen seit dem Gesetz vom 13. Dezember 
1872 eine einigermaßen moderne Kreisordnung. Aber 
die geringfügigen Konzessionen, die die Herren an die 
moderne Zeit machen mußten, haben nichts an der 
Tatsache ändern können, daß die politische Macht der 
Junker nach wie vor der ausschlaggebende Faktor 
für Preußen-Deutschlands gesamte Politik gelblielben 
ist. 
Wilhelm II und die Junker. 
Nach wie vor stützt sich das preußische König 
tum nicht auf das preußische Volk als Ganzes, auch
	        

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