Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

und eine sehr einflußreiche Bewegung vermutete, wo 
vorerst ein Fähnlein aufrechter Republikaner und 
Demokraten, von allen Seiten beschimpft, geschmäht 
und der Vaterlandslosigkeit bezichtigt, die Initiative 
ergriffen hat. Die Wehen dieser Zeit werden eine 
Renaissance des deutschen Geldankens bringen, un 
weigerlich. Ihr dienen wir. Aber die freiheitliche Tra 
dition Deutschlands ist dürftig und schwach; das Echo, 
das unserem Rufe antwortet, kränklich und karg. Vom 
tiefen Mittelalter bis auf unsere Zeit gab es nur wenige 
Geister, die unzweideutig der Emanzipation unseres 
Volkes und der Menschheit dienten. Die Namen der 
Luther, Kant und Marx konnten den höheren Einfluß 
der Münzer, Baader und Weitling verdrängen. Luther; 
er gab der Nation ihre politische Unabhängigkeit, 
aber er verriet auch das Gewissen an den Feudal 
stand der Fürsten. Kant: er zerstörte den Obskuran 
tismus und das pietistische Refugium der Theologie, 
aber er fand auch die Ausflucht der „intelligiblen 
Freiheit“ und den kategorischen Imperativ der Pflicht 
unter dem Soldatenregiment Friedrich Wilhelms I. 
Marx; er schuf eine neue Realität, die proletarische 
Masse; er setzte der Nation die Prinzipien einer 
sozialen Revolution auseinander. Aber er ermutigte 
auch die moralische Fahnenflucht, indem er die Inter 
nationale empfahl, ohne die Beseitigung des Junker 
regiments zur Vorbedingung zu machen. Und so 
wurden Heroen der Nation gerade diejenigen Geister, 
die jenes Odium der Zweideutigkeit zum Ausdruck 
brachten, das ein historisches Erbteil ist. Die bar 
barische Adelsherrschaft und Gewalttradition wurden 
niemals entscheidend gebrochen. Eine der Mehrheit 
des Volkes zusagende materielle und positive Reli 
gionsform, die im Gewissen des einzelnen verküm 
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