Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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ihnen vereint sind, stoßen würden. Es müßte sich durch 
schwere Kämpfe hinldurch und mit (der dauernden 
Beunruhigung- ganz Europas derselbe Prozeß voll 
ziehen, der sich im Türkenredch entwickelte und dau 
ernd den Balkan in den Wetterwinkel Europas ver 
wandelte. Wäre eine Lösung der Frage in diesem 
Sinne möglich, so hätte man bereits seit dem Jahre 
1848 die Anzeichen davon verspürt und ihre Aus 
bildung .seit dem Jahre 1870 beobachten können. Man 
sah aber das Gegenteil. Sogar die letzten Ereignisse 
beweisen, daß zum Beispiel die Amnestie, die von 
den österreichischen Völkerschaften erzwungen wurde, 
in Umgarn nicht möglich ist; um den Staatskarren 
weiter schieben zu können, wird dauernd zum § 14 
gegriffen; die inneren Zerwürfnisse machen eine ein 
heitliche konstitutionelle Arbeit unmöglich. Der Kaiser 
besteigt den Thron, ohne den Eid auf die Verfassung 
abzulegen, und das alles, weil die innere Natur dieses 
Staiatenwesens einzig und allein auf dynastischer und 
militaristischer Grundlage aufgebaut ist. Jede Reform 
im demokratischen Sinne würde das Staatsganze er 
schüttern und seine unfehlbare Auflösung näher 
rücken. Also ist die Auflösung notwendig, um die 
Demokratisierung zu ermöglichen. 
Oesterreich ist der einzige Landstrich Europas, 
dessen Natur jeder Fortschrittsbewegung unüber 
brückbare Hindernisse entgegenstellt. Es ist demnach 
auch das Heim, iü dem alle Giftpilze des alten Europa 
ungestört wuchern können. Es entwickeln sich dort 
in voller Kraft und ohne jede Einschränkung die 
chauvinistischen Ideen der verschiedenen Nationali 
täten. Wir können dort die eigentümlichsten Vorgänge 
beobachten. Wir sehen unterdrückte Nationalitäten, 
die, um nicht vollkommen zu unterliegen, gezwungen 
sind, die Rechte anderer Nationaleinheiten aufs 
schärfste zu bekämpfen. — Daraus ergibt sich das 
eigentümliche Verhältnis Oesterreich-Ungarns zu den 
Nachlbarstaaten. Da sich die verschiedenen ethnischen 
Einheiten Oesterreichs von den angrenzenden Staaten, 
deren Nationalität sie angehören, langezogen fühlen, 
ist zwischen diesen und der Monarchie nur ein Büüd-
	        
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