Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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nis Oder ein latenter oder offener Kampf möglich. 
Ein Bündnis, um mit einer langsamen Penetration 
mittelst ider nnerlösten Volksgenossen die eigene 
Machtsphäre an vergrößern (siehe Deutschland) oder 
Kampf zur Befreiung derselben uhd zur Erlangung 
der natürlichen Nationalgrenzen (siehe Italien- 
Serbien). 
Der österreichischen Politik ist es bis vor dem 
Kriege gelungen, mit Anwendung der Bündnis- oder 
Einschüehterungsmethode sich dem Auslande gegen 
über zu halten, das davor zurückschreokte, in dieses 
Wespennest der unbeschränkten Möglichkeit einzu 
greifen. Es wunde auch gleichzeitig ials Pufferstaat 
zwischen den imperialistischen Bestrebungen seiner 
Nachbarn benützt. Diese Stellung über in der euro 
päischen Politik bedeutet nichts anderes als ein ewiges 
Hinausschieben der Lösung einer gefährlichen Frage. 
Es ist daher klar, daß der Staat, der heute sein 
Bestehen nur noch auf Prinzipien gründet, die die 
Evolutionsgeschichte der Menschheit bereits über 
wunden hat, verschwinden muß, um nicht ein dauern 
des Hemmnis für den menschlichen Fortschritt dar 
zustellen. - 
Es ist nicht mehr möglich, die Lösung dieser Frage 
aufzusohieben, da ja der Kampf, der heute ausgefoch- 
ten wird, unter anderem das Ziel verfolgt, jene Pro 
bleme au lösen, die aus Furcht vor einem Weltkriege 
in den vergangenen Jahrzehnten unentschieden blieben, 
obschon die Unsittlichkeit gewisser Verhältnisse bereits 
unerbittlich vom menschlichen Bewußtsein in ihrer 
Haltlosigkeit verurteilt war. Nach diesem Kriege Prin 
zipien aufrecht zu erhalten, die den Hauptgrund des 
gegenwärtigen Krieges abgaben, wäre ein Verbrechen 
an der Menschheit. Der Krieg muß den Weg einer 
freien und friedlichen Entwicklung der Nationen ebnen 
und alle Bande lösen, die uns an Zeiten und Systeme 
fesseln, die der menschliche Fortschritt bereits im 
Geiste überflügelt hat. 
Oesterreich, das bereits 1848 seine eigene Lebens 
fähigkeit verwirkt hatte, hätte längst nicht mehr be
	        

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