Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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Nächten wurden die Leute im Stall einer Reitschule 
untergebracht, wo sie auf dem Mist sich ausruhen 
und schlafen mußten, fast erstickend in dem Urin 
gestank. Sie mußten Zusehen, wie die Soldaten ihnen 
in die Suppenkessel spuckten. 
In Graz pflegte der Gefängnisarzt zu den unglück 
lichen Gefangenen zu sagen, man sollte diesen Ver 
rätern Gift geben, da sie nicht eines natürlichen Todes 
verr .... wollten. Massenhaft erlagen die Gefangenen 
ihren Leiden in Marburg und Graz. 
Noch schlimmer war Idas Los der Inhaftierten in 
Mostar, Döboj und Arad. In Mostar schliefen die 
Unglücklichen, mit Dieben, Räubern und Zigeunern 
zusammengepfercht, in einem Keller- auf dem bloßen 
Bolden. Der bewußte Kübel war beständig übervoll, 
sein Inhalt ergoß sich auf den Boden, wo die Leute 
gehen, schlafen und essen mußten. Diese Hölle war 
dem Wärter Kaspar Scholier unterstellt, der die Ge 
fangenen beschimpfte und mit einem Eisenhaken, den 
er „Kronprinz“ (!) nannte, blutig schlug. Nur mit 
Geld konnte man diesen Höllenhund vorübergehend 
etwas besänftigen. 
Die gebildetsten und angesehensten der Gefangenen 
wurden als Geiseln ausgewählt, eine Bezeichnung, die 
gleichbedeutend mit Verräter war; gewöhnliche Räu 
ber und gedungene Mörder waren besser angesehen 
als sie. Wenige dieser Geiseln konnten ihre Rolle zu 
Ende spielen und ihr Leben retten. Der Obhut von 
mohammedanischen Wächtern überliefert, denen von 
den Offizieren eingeschärft wurde, die Opfer der klein 
sten Ursachen wegen niederzustechen, niederzuschla 
gen, niederzUschießen, verloren Hunderte so ihr Leben. 
Viele wurden durch die scheußliche Behandlung und 
die ständige Todesfurcht über Nacht aus blühenden 
jungen Menschen in Greise verwandelt. 
Von Mostar wurden die Ueberlebenden in die 
Kasematten der Festung Arad geschleppt, von dem 
magyarischen Pöbel geschlagen, verhöhnt, angespuckt, 
von den Soldaten mit Kolben- und Bajonettstößen miß 
handelt. In den Kasematten wurden sie von Flöhen 
und Wanzen gepeinigt und des Schlafes beraubt; sie
	        

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