Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

eben, daß sie für später den „Ansban“ der „Vertre 
tungen“ auf „breiter“ Grundlage“ zugestehen wollten. 
Soviele Worte, soviel Kautschuk. Außerdem: chiffons 
de papier, „Not kennt kein Gebot“. Damit ist der Wert 
der „Zugeständnisse“ genügend gekennzeichnet. 
Was die deutschen — und die getreulich in ihrem 
Kielwasser segelnden österreichischen („Manchester 
Guardian“ e tutti quanti mögen es sich merken) — 
Unterhändler aber unter allen Umständen nicht zuge 
stehen wollten, waren wirkliche, unbeeinflußte Volks 
abstimmungen. 
Warum wollen sie dieselben nicht zugestehen? Ganz 
einfach: weil .sie genau wissen, daß diese Abstimmun 
gen zugunsten des Anschlusses an ein freiheitliches 
und föderatives Fußland ausfallen würden. Und aus- 
fallen müssen. 
Schreiber dieser Zeilen hat in diesen Tagen eine 
große Genugtuung erlebt. Auch der „Vorwärts“ hat 
sich zu der Einsicht bekehrt, daß das Rußland, wie es 
vor dem Kriege war — ich meine in bezug auf seinen 
äußeren Umfang, nicht in bezug auf seine innere Ver 
fassung — eine europäische Notwendigkeit ist, daß es 
nichts Verhängnisvolleres geben könnte, als einen 
neuen Balkan zwischen Ostsee und Schwarzem Meere 
zu schaffen. 
Eben dasselbe predigt Georg Bernhard, der also 
immerhin kein solcher Narr wie der Graf Reventlow 
ist. Dasselbe predigt Harden. Selbst einige Konserva 
tive predigen es, wenn auch mit der Einschränkung, 
daß sie ihren angeborenen Appetit auf Annexionen 
nicht bezähmen und ein Stück Polen (Narewlinie) und 
Kurland (etwa Linie Libau-Mitau) verzehren möchten. 
Vergebens, Napoleon—Ludendorff herrscht und 
dekretiert frei nach berühmtem Muster: Rußland hat 
aufgehört zu existieren. Und der „Kampf gegen den 
Zarismus“ verwandelt sich in einen Krieg für die bal 
tischen Barone, die einstmals festesten Stützen und 
Schergen des Zarismus. 
Scheidemann, wo .bist du? 
Das Deutschland Ludendorffs schickt sich an, 
nachdem es die Revolution entfesselt hat, als Hüter 
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ÜBE
	        

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