Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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speziellen Falle Bethmann - Hollweg notierten sie 
außerdem die ihnen von ihren professoralen Zuträgern 
(sie selbst beschäftigen sich nicht mit derartigen Stu 
dien) hinterbrachte Anekdote, daß Bethmann-Holl- 
wegs Großmutter — oder war’s die Urgroßmutter“? — 
von der Frau Rat Goethe ein „Hasenfuß“ genannt 
worden sei. Schlußfolgerungen lagen nahe . . . 
Wir gestehen, daß wir nur mit Widerstreben dem 
gestürzten Kanzler eine politische Leichenrede halten. 
Das Thema lockt, uns nicht und außerdem: man gerät 
dabei in allerschlechteste Gesellschaft. Wie ein Rudel 
von Schakalen, so heult die von den Kriegsgewinnern, 
'Schwerindustriellen und agrarischen Lebensmittel 
wucherern ausgehaltene Meute der Schnorrer und 
Sehomalisten, besonders der tolle Graf Reventlow. 
Die „Fronde“ — seit Bismarcks Zeiten dauernide Staats 
einrichtung im Reich der Gottesfurcht und frommen 
"Sitte — hat wieder einmal gesiegt. Und sie schickt 
sich an, den neuen Kanzler entweder in ihren Dienst 
zu zwängen older aber das alte Spiel auch gegen ihn 
fortzusetzen. 
Wie gesagt, wir möchten nicht mit den Wölfen 
des deutschen Nationalismus heulen. Aber ebenso 
wenig möchten wir uns den reichsdeutschen und 
deutsch - schweizerischen Klageweibern anschließen, 
deren Tränen über den gefallenen Kanzler fließen wie 
das Bächlein auf der Wiese. 
Lasen wir da neulich in den „Basler Nachrichten“ 
einen Nachruf auf Bethmann, in dem wahrheitsgemäß 
konstatiert wurde, daß er keine Grundsätze gehabt 
habe. Aber wenn er auch keine Grundsätze gehabt 
habe, so sei er darum doch nicht etwa grundsatzlos 
gewesen. Beileibe nicht . . . Uns fiel ibei dieser selt 
samen Apologie Lord Byrons treue Geliebte, die Gräfin 
Guiccioli, ein. Als längst nach des Dichters Tode eine 
Biographie erschien, in der ausgeführt wurde, Byrons 
Haare seien in seinen letzten Lebensjahren etwas 
dünn, seine Beine etwas mager geworden, antwortete 
die Gräfin sehr gereizt: das sei nicht wahr; seine Haare 
seien nur etwas weniger dicht, seine Beine etwas weni 
ger fleischig gewesen . . .
	        
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