Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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mit dem deutschen Proletariat den künftigen Frieden 
zn schließen. 
Es wird immer unverständlich bleiben, daß Sie 
durch Vermittlung deutscher Militärinstanzen mit 
einer Regierung verhandelt haben, die ungerecht 
fertigt Tausende politischer Vorkämpfer der Freiheit 
im Gefängnis schmachten läßt, die zu gleicher Zeit, 
da Sie ihnen die linke Hand zu Friedensunterhand 
lungen bot, mit der rechten das Dekret signierte, das 
Friedenskundgebungen als Landesverrat ahndet. 
loh zweifle nicht, daß der unwiderstehliche Geist 
der russischen Revolution, die Ihr Landsmann Nevez- 
kovsky vorausgesehen, und von der er sagte, daß das 
alte Europa daran zugrunde gehen werde, in Mittel 
europa zu gewaltigen politischen Umwälzungen führen 
wird. Ich behaupte aber, daß Sie, indem Sie die im 
perialistischen Regierungen der Zentralstaaten legiti 
mierten, mit den russischen Revolutionär-Sozialisten 
zu verhandeln, dem deutschen revolutionären Prole 
tariat und seinen Führern einen denkbar schlechten 
Dienst erwiesen haben. 
Ich halte Sie für einen zu erfahrenen Politiker, 
als daß ich Ihnen Unkenntnis über das Verhältnis 
der deutschen Regierung zum Parlament, des Parla 
mentes zum Volk Zutrauen könnte. Die Geschichte 
des 1912 gewählten Reichstags und besonders die der 
deutschen Sozialdemokratie ist ein einziger Beweis 
für die Konservativität des nationalen Partikularis 
mus, der weit entfernt ist von der Anerkennung der 
Solidarität und Totalität der Menschheit. 
Die politische Taktik der Scheidemann, Ebert und 
David entsprach noch stets den Erfolgen der Strategie 
der deutschen Heeresleitung. Wären Paris und Calais 
erobert worden, so würde Herr Seheidemann wohl nie 
seine Schritte nach Stockholm gelenkt haben. 
Weder die Sklaverei der Zensur, noch die Ent 
ehrung der politischen Mündig’keit durch den Belage 
rungszustand hat die deutsche Sozialdemokratie zu 
beseitigen vermocht, und auch Herr von Hertling, der 
neue Führer des Triumvirates des „demokratischen 
Fortschritts“, hat in seiner Antrittsrede, die eher
	        
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