Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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eine Re volutions welle über ein Gebiet bäuerlich gesund 
entwickelter Distrikte hingehen zu lassen, hofft man 
auf diese Art ein Gewitter fernzuhalten, das von außen 
nicht weniger gefährlich als von innen kommen könnte. 
Nicht zuletzt aber: man will gerade in diesen be 
stimmten Grenzländerii ein Landverteilung s System 
aufrechterhalten, das — wie es bisher in Preußisch- 
Polen geschah — die Wohltaten der Kolonisation nur 
den Kolonisten, das heißt den Deutschen zugute kom 
men lassen würde, während bei den Einheimischen 
der Großgrundbesitz weiter bestehen sollte. Es er 
gibt sich klarerweise, daß damit das kurländische„ 
litauische und polnische Volk von zwei Seiten seines 
Landes beraubt würde: von seiten seiner Großgrund 
besitzerklasse (Barone, die ehemals dem Zaren, jetzt 
S. M. huldigen), und der Erobererklasse der Deutschen. 
Von seiten jener reaktionären Klasse der Eingebor- 
nenbevölkerung erwartet man starke politische Unter 
stützung; durch Anerkennung ihres Besitzes eine Ver- 
proletarisierung der betreffenden noch nicht industrie- 
reifen Völker, die den Eroberern, sowie den Besitzern 
billige Arbeitskräfte garantiert. Arbeitskräfte!, die 
nicht nur in den Nordprovinzen bleiben werden, son 
dern die sich nach dem Marktzentrum, d. h. in den 
ostelbischen Großgrundbesitz verdingen werden, wo 
sie nach der Dezimierung des bisherigen ländlichen 
Arbeitsproletariates eine ersehnte Ersparnisquote be 
deuten. In den eroberten besiedelten Gebieten aber 
wird durch diese Politik ein Keil zwischen zwei 
Schichten der Bevölkerung getrieben, der von Natur 
aus nicht bestände: der deutsche, dort angesiedelte- 
Kriegskrüppel, der sinngemäß nichts anderes als Pro 
letarier ist, wird in Interessengegensatz getrieben zum 
kurländischen, litauischen, polnischen Landproleta- 
l’iate. So wiederum hofft man aus dem deutschen Pro 
letarier einen Kleinbauern, d. h. ein konservatives Ele 
ment zu machen, das im Kampfe gegen den Nächsten 
aufgeht und selbst zum sozialnegierenden Faktor wird. 
Dieses sind nur die deutliebst erkennbaren Ten 
denzen der gegenwärtigen Ostpolitik auf agrarischem
	        

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