Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

243 
doppelzüngigen Koburger verratene — Balkanbund 
dürfte wieder hergestellt werden. Unld wäre der Pro 
zeß erst einmal begonnen, wäre es den Völkern erst 
einmal vergönnt, sich eins im andern zu finden, dann 
würde dies ein wundervolles und starkes Europa, 
welches die Form, die ihm die Schweizer Berge ver 
liehen haben, erfüllen wird. • 
VI. 
Es ist auch nicht ausgeschlossen, daß Deutschland 
nach dem Kriege das demokratische Programm an 
nimmt. Das ist in der Tat das wahrscheinlichste Er 
gebnis einer deutschen Niederlage. Niemand beantragt 
oder wünscht die Vernichtung des deutschen Volkes; 
man möchte bloß, daß die Deutschen von ihren preu 
ßischen Methoden und Meistern loskämen. Ich bin 
keiner von denen, die verzweifeln, ich gehöre eher zu 
denen, die zu hoffen wagen, daß es dem Sieg der Al 
liierten nicht nur gelingen wird, die preußische Fin 
sternis aus dem deutschen Denken zu verdrängen, 
sondern daß dank ihm auch ein neues, vergeistigtes 
Deutschland erstehen werde, — ein Deutschland, in 
dem all die nackte Gewalt, die dumpfen materiellen 
Anschauungen, welche in der preußischen Herrschaft 
aufgegangen waren, sich zu Kräften einer geistigen 
und demokratischen Entwicklung verwandeln weiden. 
Ein reuiges und durch einen großen inneren Antrieb 
herrlich geheiltes und entsühntes Deutschland ist eben 
das, was diejenigen, welche sich ihm jetzt am hart 
näckigsten widersetzen, voraussehen. Zugunsten der 
Verwirklichung dieses Zukunftsbildes wünschen sie 
heute seinen militärischen Zusammenbruch. Sein 
besseres Selbst, seine eigenste menschliche Sendung 
bängt von dieser sühnenden Niederlage ab. 
Bereits, während man ihr siegreiches Vordringen 
in dem Getöse noch überhört, wird Deutschland von 
seinen besten Lehrern aufgef ordert, aus seinem von 
dem räuberischen Preußen beherrschten Heute her 
auszutreten in die Verheißung eines demütigen und 
verzichtenden Morgen. Bereits bittet das Herz des
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.