Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

247 
jetzt zu erfüllen und zu verzehren scheint, ist nicht 
echt; er ist künstlich und oberflächlich und vorüber 
gehend. Diejenigen sind blind, die glauben, dieser 
Krieg werde Generationen und Organisationen des 
Hasises nach sich ziehen. Nichts derartiges wird ge 
schehen. Das Ergebnis wird viel eher sein: daß der 
Krieg sowohl den Haß der Vergangenheit wie den 
der Gegenwart verbrennen wird. Auf lange Zeit hin 
aus bleibt so die Welt vom Haß gereinigt. Schon 
wird das Unsinnige des Hassens den Soldaten in den 
Schützengräben immer bewußter, gleich wie ihren 
Vätern und Müttern und Frauen zu Hause. Ich habe 
es gesehen — und darf es darum auch bestätigen: 
noch nie gab es so wenig Haß in der Welt wie heute. 
Nie war der Haß dem Erlöschen so nahe wie jetzt in 
dieser schlachtenreichsten Zeit der Planetenexistenz 
des Menschen. Und eben durch seine Abweisung des 
Hasses erhält Präsident Wilsons unsterblicher Auf 
ruf seine prophetische und weitreichende Bedeutung, 
mehr als irgend ein Wort, das seit Generationen von 
den Lippen irgend eines Führers gekommen ist. 
Wer weiß, ob nach allem der Krieg nicht für die 
Völker die Vorbereitung sein könnte auf einen all 
gemeinen Gesellschaftszustand, der endlich alle Kräfte 
und Wirklichkeiten des unteilbaren Weltlebens in 
sich fassen und in Einklang bringen würde 1 ? 
Während noch die Heere zum Kampf vorgehen, 
stellen die Soldaten Fragen, wie sie nie zuvor in 
dieser Welt gefragt worden sind; und die gleichen 
Fragen stehen auf den Lippen der Frauen und der 
Väter zu Hause, und selbst von erstaunten Kindern 
werden sie geflüstert. Sie alle sind belebt von einem 
weiseren Erstaunen als das ist, welches die Mensch- 
heitsfamilie bisher zusammengehalten. Sie verstehen 
— die Mehrzahl der Männer und Frauen versteht 
heute —, daß der Krieg etwas Ueberlebtes, Sinnloses 
und Feiges sein muß. So festigt sich der große Ent 
schluß, der die Nationen und Legionen zu einem un 
sichtbaren Bunde vereinigt, auf daß diese die letzte 
derartige Katastrophe sei, welche die Menschheit 
selbst über sich beraufbesehworen hat. Ein Welt
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.