Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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bürgertum sehen wir plötzlich im Werden, und es wird 
wohl nicht lange dauern, bis es sich aufmacht, um 
nicht allein alle Völker einträchtig zu versammeln, 
jedes fühlende Wesen einschließend, keines ver 
stoßend, sondern unser ganzes Erdenleben überhaupt, 
die ganze Ordnung der Natur. Es gibt viele An 
zeichen, die verraten, daß den Völkern bald die Augen 
aufgehen, und daß sie sich dann als Glieder einer 
Familie erkennen werden, die nicht wirklich, nur 
scheinbar voneinander getrennt, bloß durch die jahre 
lange Anwendung parasitischer Systeme unld Macht 
vollkommenheiten gegeneinander verhetzt werden 
konnten. 
X. 
Die Fortdauer der Menschen auf der Erde scheint 
ein beständiges Wunder. Unsere alltäglichen gemein 
samen Wege zielen nach der Tiefe, führen uns immer 
wieder in Höllenfieber und Vernichtung; und wenn 
immer ein Geschlecht oder eine Nation wieder er 
hoben oder weitergebracht worden ist, so geschah 
dies durch einen geistigen Umschwung. Große reli 
giöse Reformationen, wiederaufbauende nationale 
Revolutionen ebenso wie denkwürdige persönliche 
Bekehrungen sind gekommen wie der Dieb in der 
Nacht; auch wenn Seheraugen sie vorhergesehen und 
prophetische Stimmen sie vorher verkündet hatten, 
so geschahen sie zu unerwarteter Stunde. Eine furcht 
bare und erhabene Krise, plötzlich wie der Aufgang 
im Osten, schnell wie der Blitz im Westen, übermannt 
den starken Saulus von Tarsus und läßt ihn nicht 
wieder los; oder sie erfaßt das Frankreich der Revo 
lution und schafft die Welt aufs neue. 
Könnte es nicht sein, daß das höchste Wunder, 
die umfassendste und folgenreichste Bekehrung nun 
im Vollzüge wäre? Könnte die sich bedrohende und 
mordende Welt, die unbewußt ihren Datmaskusweg 
betreten, nicht bald von einer Erleuchtung überfallen 
werden, die dem Menschengeschlecht ganz neue Er 
fahrungsgebiete öffnen müßte? Ich glaube, das wahr 
scheinlichste Endergebnis wird dieses sein. Es ist
	        

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