Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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weit nirgends zu finden ist, die Moral, 'das heißt die 
auf tausendjährige Erfahrung aufgebaute Lehre, daß 
nur dann ein menschliches Zusammenleben möglich 
ist, wenn die eigenen Wünsche und Begierden Halt 
machen vor dem Lebensrechte des Nächsten. Warum 
soll diese Lebensregel nur Menschen binden und nicht 
auch die aus Menschen zusammengesetzten Nationen'? 
Warum sollen die Lenker der Staaten in ihrem Ver 
kehr untereinander einer andern Weisheitsregel fol 
gen? 
Vor unserer Zeit ist es der Regierungsgewalt ge 
lungen, den ewigen Kämpfen der Stände eines Staates 
ein Ende zu bereiten durch Ablösung des Faustrechts 
durch ein jedermann bindendes Gesetz. Heute denkt 
niemand mehr daran, Städte oder Herrensitze durch 
Umwallung mit Schutzgräben abzuschließen. Trotzdem 
es noch bösartige Menschen auf der Erde gibt. Die 
Zeiten haben sich eben geändert. Die Staatsbürger 
verlassen sich auf den Schutz des Gesetzes. So wird 
auch in das internationale Leben der Völker nur 
dauernder Friede kommen, wenn ein erzwiingbares 
übernationales Gesetz dem Grundsatz überall Geltung 
verschafft, daß Recht vor Macht geht, daß kein stär 
kerer Staat den schwächeren unbestraft vergewaltigen 
darf. 
So lange wir aber zu dieser höheren Rechtsstufe 
nicht emporgestiegen Sind, sollte die Diplomatie wenig 
stens versuchen, durch eine anständige aufrichtige 
Politik das Vertrauen der Völker zu gewinnen, an 
statt durch Geheimtuerei und Schliche aller Art das 
Völkerleben zu vergiften. Mit Recht bezeichnet schon 
Kant die „Fähigkeit der Publizität“ als das wahre 
Kennzeichen einer ehrlichen moralischen Politik. Und 
selbst ein Realpolitiker wie Bismarck war beim Zu 
rückschauen auf sein Lebenswerk zur Erkenntnis ge 
kommen, daß „in den meisten Fällen eine offene und 
ehrliche Politik erfolgreicher als die Feinspinnerei 
früherer Zeiten“ sei. (Gedanken und Erinnerungen II, 
253.) Der Ein wand der heutigen Diplomaten, daß man 
Staatsgeheimnisse anderer Kabinette nicht verraten 
dürfe, ist grundlos. Eine moralische, den eigenen mit
	        
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