Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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dem fremden Nutzen versöhnende Politik braucht sich 
nicht zum Träger fremJder Geheimnisse zu machen. 
Was aus solcher Geheimniswirtschaft herauskommt, 
zeigen mit blendender Helle die heutigen gräßlichen 
Zeiten. 
Gewönne die Diplomatie eines Staates es über sich, 
ihre Absichten und Pläne freimütig dem eigenen und 
dem fremden Volke zu offenbaren, handelte sie stets 
so, wie sie es versprach, so würde sie sich einen solchen 
Rückhalt zu Hause und ein solches Vertrauen draußen 
erwerben, daß ihr bald alle andern Staaten aus eigen 
stem Interesse auf dieser Bahn nachfolgen müßten. 
Ein freimütiges Auftreten ist allerdings nur mög 
lich, wenn nicht die absolutistische Idee von der All 
macht des Staates, sondern der volksbeglüokende Ge 
danke der Solidarität aller Völker das öffentliche Le 
ben beherrscht. Muß die Göttin der Freiheit ihr 
Haupt noch schmerzlich verschleiern, so kann die tief 
in der Volksseele schlummernde Erkenntnis der Zu 
sammengehörigkeit aller Menschen keine Blüten trei 
ben. Kant nennt daher die republikanische Verfas 
sung als die einzige, die zum ewigen Völkerfriejden 
führen kann, da in ihr der Wille des Volkes am besten 
zum Ausdruck kommt. Aber auch eine Monarchie mit 
wirklicher Parlamentsregierung könnte dieses Wunder 
wohl verrichten, vorausgesetzt, daß die von Kant ver 
langte „Beistimmung der Staatsbürger zur Entschei 
dung' über Krieg und Frieden“ auf alle Fälle gesichert 
ist. Dazu gehört allerdings, daß die Volksvertretung 
an der Führung der auswärtigen Geschäfte ständig 
lebendigsten Anteil nimmt. Nur ein bereits im Frie 
den gut unterrichtetes Parlament wird in bewegter 
Zeit schnell richtige Entschlüsse fassen.
	        
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