Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

Iden keine abstrakten Begriffe, sondern sehr konkrete 
Personen, werden nicht der Krieg, der Kapitalismus, 
der Imperialismus auf der Anklagebank sitzen, son 
dern die Herrscher, die Minister, die Generäle, die 
Kriegshetzer, denen die Verantwortung für das größte 
Blutbad der Weltgeschichte zur Last fällt. Jedem 
wird sein besonderes Schuldbuch aufgesCblugen wer 
den und jeder wird seine Rechnung bezahlen müssen. 
An diesem Tage handelt es sich nicht mehr bloß um 
Systeme, über die das Volk zu Gericht sitzen wird, 
sondern um die Verkörperer dieser Systeme, um Men 
schen von Fleisch und Blut, die Rechenschaft für ihre 
Handlungen abzulegen haben. Die alles nivellierende 
Systemanklage wird das Volk nicht zu dem kraft- * 
vollen Handeln entflammen, das erforderlich ist, um 
den Umsturz einer Staats- und Gesellschaftsordnung 
vorzubereiten, die solche Katastrophen möglich ge 
macht hat. Die spezifizierende Menschenanklage aber, 
die die Donnerkeile der Volksempörung auf die wahr 
haft schuldigen Häupter lenkt, sie wird die Zugkraft 
besitzen, die wir nach dem Ende dieses Völkermordens 
für unsere Bestrebungen brauchen. 
Auch von einem anderen Gesichtspunkte aus hat 
die heutige Erörterung der Schuldfrage nicht nur eine 
prinzipielle, sondern eine höchst aktuelle praktische 
Bedeutung: wegen des engen Zusammenhanges des 
Kriegsursprungs mit den Kriegszielen. 
Der Ideengang aller deutschen Herrscher, Staats 
männer und leitenden Politiker ist folgender: 
1. Wir sind im Sommer 1914 von feindlichen 
Mächten, die schon längst ein Angriffskomplott 
gegen uns geschmiedet hatten, überfallen wor 
den. 
2. Wir müssen uns gegen neue Ueberfülle dieser 
Art in der Zukunft schützen. 
3. Das einzig mögliche uüd wirksame Mittel hierzu 
ist eine Machtvergrößerung Deutschlands nach 
Osten und Westen, die uns reale Garantien für 
unsere politische, militärische und wirtschaft 
liche Sicherheit in der Zukunft bietet.
	        

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