Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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Diese Beziehungen sinid in allen Ländern ein ziemlich 
zuverlässiges Barometer politischer Natur, was ich 
hier nicht weiter ausführen will. Es liegt auf der 
Hand, daß ein Land um so mehr abhängig wird (nicht 
nur im Kriegsfall, aber besonders in 'diesem) und um 
so schwerer sich umschalten läßt, je mehr es sich auf 
eine bestimmte ausländische Lieferungsquelle für 
Kriegsmaterial eingerichtet hat. Es lag für Belgien 
auch keinerlei technische Notwendigkeit vor, sich an 
Krupp zu wenden, der z. B. Frankreich gegenüber in 
seinen Konstruktionen von jeher weit unterlegen war 
und nur mühsam nachhinkte, wie jeder Fachmann, 
auch in Deutschland, weiß. Krupps Qualitäten liegen 
auf einem ganz anderen Gebiet als dem der besseren 
Konstruktionen und Erfindungen. Kurz, Belgiens Be 
ziehungen zu Krupp waren der Ausdruck eines freund 
schaftlichen Bestrebens gegenüber Deutschland. Ich 
habe immer den Eindruck gehabt, daß Belgien das 
geschäftegierige, empfindliche, scharf naohdrängende 
Deutschland durch reichliche Aufträge bei guter Laune 
erhalten zu können glaubte, während es von Frank 
reich, dessen Industrie wenig Regierungsunterstützung 
genoß und zudem sorgloser war, Verständnis für die 
Gründe der Bevorzugung Deutschlands und Begnügung 
mit den menschlichen Sympathien erwartete. 
Wenige Monate nun vor dem Kriege knüpfte Bel 
gien ein weiteres und besonders wichtiges Band zwi 
schen sich und Krupp. Es überließ sich hinsichtlich 
einer neuen (kaum erprobten) Munition für Feld 
artillerie ganz dieser Firma. Krupp, der sich bedeu 
tende direkte Bestellungen zusicherte, übertrug die 
Berechtigung zur Fabrikation dieser Munition an 
Cockerill, unter Mitwirkung natürlich der zuständigen 
Behörden, die sich für ihre eigenen Werkstätten das 
gleiche sicherten. Das hieß für Cockerill und das 
belgische Kriegsministerium rege und andauernde Zu 
sammenarbeit mit Kruppschen Vertretern, Ingenieuren 
etc. und entsprechende Abhängigkeit vom Lizenzgeber. 
Ich hatte damals häufig den Besuch eines Cockerill- 
schen Direktors, und halte es nicht für überflüssig, zu 
bemerken, daß mir noch bei Kriegsausbruch ein 
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