Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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das Recht und gebe die Form. Seine früheren Auf 
fassungen nennt Gierke ^doktrinäre Theorien und hohle 
Schlagworte“. TJeber alle Dinge „entscheidet von 
Rechts wegen die Macht“ (Seite 29)! Nebenbei bemerkt, 
erachtet es Gierke für überflüssig, daß kleine Staaten, 
wie z. B. Serbien, nach dem Kriege fortbestehen. 
Den guten Beispielen hat Herr Köhler folgen müs 
sen. Alle seine Theorien über die Schuld, über die 
Verursachung sind hinfällig geworden, und so lehrt er 
heute die unglaubliche Monstrosität, daß für die Tat 
der Einzelnen das ganze Volk verantwortlich sei! Mit 
solchen Lehren wird die Berliner Universität schwer 
lich an Ruhm gewinnen; 
FÜR ARMENIEN 
von Claire Studer. 
(Nummer 59, 3. November 1917.) 
Wer von uns hätte es für möglich gehalten, als er 
in der Schule von den Sohändlichk eiten der Ghristen- 
verfolgungen hörte, daß er eines Tages — im 20. Jahr 
hundert — Zeitgenosse von Greueltaten werden würde, 
die jene Verfolgungen an Grausamkeit noch weit 
übertreffen? Der einzige Unterschieid zwischen der 
Barbarei von damals und der von heute ist der, daß 
man damals sagte: „das sind Ketzer“, während es 
heute einfach heißt: „das sind Armenier“. Aber wäh 
rend damals die Heiden allein Jagd auf die Christen 
machten, steht heute eine christliche Regierung, die 
Einhalt gebieten könnte, mit verschränkten Armen 
daneben und sieht stillschweigend dem Todeskampf 
der Glaubensgenossen zu. 
Wie weit übertrifft doch dieser Krieg die vergiftete 
Phantasie talentloser Romanschriftsteller! Wie ein 
neues Inferno muten uns die einfachen Schilderungen 
armenischer Kinder oder die trockenen Berichte deut 
scher Lehrer und amerikanischer Konsuln in Armenien 
an! Schlimmer als alle Martern des Schlachtfeldes, die 
noch in einem einigermaßen ehrlichen Kampfe bei 
gefügt wurden, sind die teuflischen Qualen, unter
	        

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