Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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In dien krieg-führenden Ländern ist die Stimme 
der neuen Jugend verstummt. Nur die Stimme der 
zum Chauvinismus Verführten ist vernehmbar. Man 
hat die Erneuerung- und Verjüngung- Europas aus 
dem Geiste der Jugend, vorläufig wenigstens, glück 
lich verhindert. Was will man noch? Soll diese Ju 
gend jetzt auch noch verhungern? Will man diejeni 
gen, die es vor Hunger nicht mehr aiushielten und die 
ihn aus bitterster Not auf „unerlaubte“ Weise stillten, 
öffentlich diffamieren, um sich ihrer ein für alle Male 
zu entledigen? Will man schon die Kinder schänden, 
damit ein gehorsames Knechtsgeschlecht erwachse 
und nicht eine freie und starke Jugend? Denn es wa 
ren sicher die Mutigsten und Selbständigsten unter 
den Schulkindern, die sich zu derartigen, in normalen 
Zeiten unstatthaften Handlungen hinreißen ließen. 
Man weiß, was es heißt, wenn verfügt Wird, daß die 
„Strafmittel der Schule mit aller Strenge in Anwen 
dung gebracht werden sollen“: man wird die Hun 
gernden so lange prügeln, bis ihnen der Hunger ver 
geht. 
Ist man am Ende seines Sieges über die Jugend 
doch nicht so ganz sicher und fürchtet man sich so 
sehr vor ihr, daß inan auch den letzten Funkien eines 
Willens zur Selbsthilfe in ihr zu zertreten bereit ist? 
Augenscheinlich ist dem so, denn sonst wären die 
oben zitierten Verfügungen und Gerichtsurteile un 
denkbar. Sie zeugen von einer so sinnlosen Ent 
menschlichung und sittlichen Verrohung der Ver 
fügenden und Verurteilenden, daß man sie sich nicht 
erklären kann, wenn man nicht annimmt, daß ganz 
bestiminte politisch-reaktionäre Unterdrückungsz wecke 
mit ihnen verfolgt werden. 
Man fürchtet sich also. Und fürchtet sich mit 
Recht. Aus den Gebeinen der vernichteten, hin- 
gemoiideten, geschändeten Jugend werden Rächer er 
stehen. Die heute noch Kinder sind, werden die 
Sprache der Toten vernehmen. Man hat die Liebe der 
Jugend nicht gewollt. So wird man mit ihrem Haß 
zu rechnen haben. Nicht nur in Deutschland. In allen 
kriegführenden Ländern. Diese Jugend wird sich nicht
	        
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