Full text: Almanach der Freien Zeitung (1918)

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hinters Licht führen lassen. Sie wird wach und hart 
sein, kritisch unld bewußt. Sie wird nicht stumm 
bleiben. Sie wird nicht vergeben und vergessen, bevor 
sie den Sieg über die alte Welt erkämpft hat. Bann 
allerdings wird sie so gründlich vergessen, daß keine 
Erinnerung an die besiegte Generation übrig bleibt. 
Die Welt wird der blutbefleckten Schänder nicht ge 
denken, weder im Guten noch im Bösen. 
Es braucht nicht erst betont zu werden, daß das 
Wort „Jugend“ hier nicht nur im engsten Sinne ge 
braucht wird. Zur Jugend gehört alles, was so sehr 
unter der Unerträglichkeit des Heute leidet, daß es 
entschlossen zur Jugend steht. „Der Geist ist in uns 
Allen“ — heißt’s im alten Jenenser Rurschenliede. Der 
Geist läßt sich nicht töten. Wir glauben nicht daran, 
daß der Geist, der im letzten Jahrzehnt in der euro 
päischen Jugend lebendig war, für immer erstorben 
sein soll. 
Man erinnere sich. Seit der Jahrhundertwende 
gärte es in der Jugend. Ihre Gesundheit und Un 
verdorbenheit empörte siich gegen die greisenhafte 
Familiensimp el ei und die korrupten Lebensgewohn 
heit der Gesellschaft, gegen die materialistische Macht 
gier der' Politik, gegen die irreligiöse Religiosität, die 
ethische Doppelzüngigkeit und die bald skeptisch, bald 
brutal, bald idyllisch und bald preziös sich gebärdende 
Inhaltslosigkeit und Unverantwortllichkeit des öffent 
lichen geistigen Lebens. Aus dieser gesunden Em 
pörung der Jugend heraus entstanden die „Wander- 
vogeUdBiinde und andere Vereinigungen. Die Em 
pörung war zunächst mehr instinktiv als bewußt. Es 
galt zunächst nur eine mehr older minder radikale 
Selbstbefreiung, ein persönliches Sicbselbstwieder- 
finden, eine Wiedervereinigung mit der Natur, ein 
Sichbesinnen auf die elementaren Tatsachen des 
Lebens. Bald änderte sich das aber. Und die bewuß 
teren und geistigeren Elemente wiesen der Jugend 
Ziele und Aufgaben. Nicht im Sinne Irgend einer 
Parteipolitik, sondern im Sinne einer geistleib Mehlen 
Jugendbewegung, deren Wesen gerade darin bestand, 
die schöpferische Kraft der jungen Jahre so zur Ent
	        

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