Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Maiheft)

18 
Garf Sternßeim: Wleta. 
Eine Erzählung (Leipzig, Kurt Woiff, Verlag). 
Dass Carl Sternheim lebt und existiert, dessen müssen wir uns tief freuen. 
Das ist in der Literatur der Mann mit dem bohrendsten Blick für Fassade, 
Attrappe, Cache, und mit der festesten, erhabensten Gläubigkeit an den Men 
schen. Er schaut Personen an, und in Explosion fliegt Angesetztes, bequem 
Geerbtes, umständlich Vorgetäuschtes. Frei wird der Menschenkern, das kleine, 
schimmernde, zitternde Licht des Menschen, das zu allem Licht will. Die Ge 
sellschaft und jede Lagerung der Gesellschaft ist für Sternheim nur da, um in ihr 
das Ziel der Unabhängigkeit, der Beugungslosigkeit, der Freiheit zu lehren. 
Er ist der erste politische Dichter in heutiger deutscher Sprache. Die Unmittel 
barkeit, die Absolutheit des dichterischen Vordringens zur menschenhaften 
Aktion seiner Figuren macht, dass Sternheim der klassische Dichter der Frei 
heit ist. (Das hat Sternheim zum ersten Male der neuen deutschen Dichtung 
verliehen: den Sinn des Standpunktes; die Heiligkeit des Inhalts. Werke von 
der handelnd enthüllenden Unmittelbarkeit seines Schauspiels „1913“ oder die 
Kühnheit und politische Voraussage im absoluten Bekennntnistum des Dramas 
„Tabula rasa“ kannten die Deutschen bisher nicht!) 
Er hängt gar nicht mehr von der Kenntnis eines bestimmten Milieus ab. 
Auch nicht von der umschreibenden Erklärung des Psychologischen. Er ist 
direkt. Sein Wissen vom Absoluten des Menschdaseins ist so vollkommen, 
dass er mit gleicher Einzelkraft in jede Schicht hineingreifen kann (Typus des 
klassischen Dichters). Meta ist ein Dienstmädchen. Man lese, was Sternheim 
von diesem Menschwesen sagt: „Zum Denken der Kopf, die Beine zum 
Schreiten. Zwischen Hals und Hüfte ist der Rumpf, Sitz der Organe, die uns 
das Himmlische vermitteln: durch Lungen und Herz den Odem Gottes, aus dem 
wir leben.“ Diese ungeheure, einfache Wahrheit, die den Menschen als ein 
Geschöpf des Willens hinstellt — wer hat das bisher gekonnt? Er ist Klassiker 
(das heisst: einer der neue Normen gibt) auch in der Anschauung, in der 
schöpferischen Anschauung des Menschen als Geistwesen. 
Das Dienstmädchen Meta verliert ihren Bräutigam im Kriege. Sternheim 
lässt sie aus dem Zusammenbruch hervorgehen mit ihrer eigenen Schöpfung im 
Hirn, der Fiktion von dem Idealbräutigam. (Wie in einer andern Novelle den 
Koch Napoleon mit dem Idealbild der gestorbenen Tänzerin.) Ihr Willenswesen 
entfaltet sich stets im Dienstmädchenhorizont. Aus ihm beginnt sie ihre 
Umwelt zu beherrschen. Überlegene Unversöhnlichkeit gegen die Gesellschaft. 
Sie endet als die bewusste und, nach allen ihren Kräften, hoch menschenwürdige 
Revolutionärin eines Altfrauenhauses. „Meta wie Jugend, Sturm und himm 
lische Überredung fuhr in sie. Rollte ihnen den Film des Lebens zurück, wies 
die häufigen Höhen und zeigte einer jeden an der entsprechenden Stelle ihre 
ganz unvergleichliche, irdische Wirksamkeit.“ — Diese sind die Schlussworte 
Metas:,, Ihr seid nicht stolz genug auf euch, ihr klösterlichen Weiber. Mir gefällt 
nicht die Demut, das Bedauern eigener Unzulänglichkeit und nicht Unter 
werfung unter hohe, unumstössliche Vorschrift. Schönste, irdische Wirklich
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.