Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Maiheft)

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Wir wissen heute: Wäre nicht manches Ereignis anders ausgegangen, als es 
berechnet wurde, eine ganze Welt würde mit höhnischem Grinsen die Ermor 
dung des neuen Geistes in seiner Generation, und den Sieg des Alters feiern! 
fflffred ‘Döbfin: 0/e drei Sprünge des dJOang=ßun. 
Roman. (S. Fischer, Verlag, Berlin.) 
Das Buch des bisher unbekannten Döblin gehört zur Weltliteratur. Mit 
einem einzigen Ansprung bricht Döblin durch die lokalen, psychologischen 
oder kulturellen Sonderprobleme des deutschen Romanschrifttums der ver 
gangenen neunzig Jahre, und gibt sich menschenwürdigen und geistigen Zielen 
von höchster Intensität hin. Döblins Buch ist die vollkommenste Roman 
schöpfung, wirkliche Schöpfung, die in deutscher Sprache seit dem Tode der 
grossen Dichter geschrieben wurde. Döblins Buch ist eines des vollendetsten 
Sprachkunstwerke, die die deutsche Literatur besitzt. 
Die vergangene Epoche des Impressionismus, der Willenlosigkeit, des 
beruhigten Relativismus: der Ungeistigkeit! — hatte nur auf diese beiden 
Urteile ,,Roman“ und ,,Kunstwerk“ Wert gelegt. Aber würde nichts anderes 
vom Werke Döblins zu sagen sein, so wäre es nie zu seiner schöpferischen, 
umwälzenden Wirkung der Vollkommenheit gelangt. Das Buch ist, über 
Erzählung und Kunst hinaus, das bedeutendste religiöse Werk, das seit Jahren 
in Europa veröffentlicht wurde. Das Buch ist zuletzt das einzige revolutionäre 
Werk der europäischen Literatur, Vernichtung und tiefste Neuzeugung in der 
Zusammenfassung aller neuschaffenden Kräfte aus dem Geist, der Inspiration, 
diktiert vom Wissen um einen absoluten Weltsinn. Seit Tolstois Tode war 
niemand da, der solche Konzeption zu bilden gewagt hätte. 
Ich treibe nicht Kunstkritik, sondern ich zeichne die heute mögliche Äus 
serung des Geistigen in der Welt auf. Die grosse revolutionär-religiöse Schöpfung 
Döblins ist ein Roman; der Roman spielt in China. Vorgang: Der Aufstieg 
eines ganz einfachen Menschen bis zum inspirierten Geschöpfe Gottes in voller 
Bewusstheit seines religiösen Dienstes; und bis zum Führer einer wirklichen 
ungeheuren Volksrevolution aus dem Geiste, an der Millionen teilnehmen. 
Nachschlagen in einem Geschichtwerk erwies mir, dass diese Revolution in China 
wirklich stattgefunden hat, am Ende des achtzehnten Jahrhunderts. Döblins 
Buch ist aber kein „historischer Roman;“ davor schützte es die historische 
Ausserzeitlichkeit, die für unsere Augen das innere Leben Chinas hat. Das 
geschichtliche Faktum ist für Döblin nur der Punkt, an dem selbstständige, 
in sich lebende Schöpfung mit der wahrnehmbaren Wirklichkeit sich kreuzt 
und zu einem in die wirkliche Welt hinauswirkenden Gebilde wird. Aber die 
Romanmässigkeit der Döblinschen Dichtung ist nur der Untergrund, auf dem 
sich ein Schöpfungsplan zum aktiven Handeln des Menschen aus dem Geistigen 
erhebt. Aus diesem Buch bricht Wissen um eine höhere Weltordnung und 
der verantwortliche Wille zu ihr.
	        

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