Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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rend. Dabei gehören zu ihren spezifischen Zügen ein echter Humor und 
eine immer heitere Lebensauffassung, die es machen, daß sie über sich 
selbst scherzt (z. B. in ihren Briefen aus dem Gefängnis); und das alles 
ohne einen Schatten von Heuchelei oder Selbstgefälligkeit, die mir immer 
widerwärtig ist . . . Es genügte, daß einer der Unsrigen, der sich in der 
das Zuchthaus Butyrka umringenden Menge befand, dem „Kommissär“ der 
neuen Regierung einige Worte über unsere „politische“ Olga Wassiljewna 
zuflüsterte, — und man ließ sie frei. Unsere Freunde brachten sie zuerst 
in das vegetarische Speisehaus (das war am 1. März um zwölf Uhr 
nachts), und am nächsten Morgen kam sie zu uns: wir wohnen ja sehr 
weit vom Zentrum entfernt, und in diesen Tagen fuhren weder Trams 
noch Droschken, alles ging zu Fuß, — eine Millionenmenge war während 
der Tage und Nächte fast bis zum Morgen auf den Straßen und Plätzen, 
— und überall vollste Ordnung, obwohl die Polizei fehlte; die hatte man 
verhaftet. Es gab allerdings einige Versuche von seiten verkleideter Gen 
darmen und Polizisten, die Menge zu provozieren: sie schossen aus Ma 
schinengewehren von Häuserdächern usw. . . Nun damit schließe ich vor 
läufig, — bis auf morgen, um die Militärzensur (die während der Kriegs 
dauer noch weiter funktioniert) nicht zu sehr zu belasten. Sonst könnte 
mein Brief an Euch zu lange liegen bleiben. Es erscheint einem immer 
noch unglaublich, daß man über alles schreiben darf. 
7. März. 
Liebe Freunde, ich setze meine Erzählung über die Ereignisse fort, und 
ich schreibe Euch meine persönlichen Eindrücke, nicht das, was in den 
Zeitungen steht. 
Übrigens zunächst ein paar Worte über allgemeine Angelegenheiten: 
gestern las ich eine Korrespondenz aus Kopenhagen (diese ganze Zeit 
hindurch erhielten wir keine Nachrichten aus dem Ausland, wußten vor 
allem nichts über Deutschland). In dieser Korrespondenz heißt es, daß 
der Hunger in Rußland die Unzufriedenheit hervorgerufen habe. Das ist 
nicht wahr. Es herrschte kein Hunger, wohl aber eine furchtbare Teuerung 
und ein völliger Wirrwar im Transportwesen. Einige Städte, wie z. B. 
Petersburg, waren ein paar Tage lang ohne Brot. In Moskau ging es nicht 
so hart zu, obgleich alles sehr schwer zu erhalten und sehr teuer war. 
Der Preis für Roggenbrot z. B. war von zwei bis drei Kopeken für das 
Pfund auf zwölf bis vierzehn gestiegen, der für Weizenmehl von fünf auf 
zwanzig Kopeken. Noch schlimmer war: Wir erhielten für unser ganzes
	        

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