Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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7. März, 12 Uhr mittags. 
Ich fahre fort. 
Vorhin wurde ich durch den Besuch eines unserer vielen freigelassenen 
Freunde, eines gewissen Ilja Jarkow unterbrochen, eines sehr lieben, tief 
religiösen und ernsten jungen Mannes, der zu zehn Jahren Zuchthaus 
verurteilt war und anderthalb Jahre davon schon in Butyrka und 
in anderen Gefängnissen abgesessen hat. Ach, wie wünschte ich, daß Ihr 
einen von diesen Menschen zu sehen bekämet: wie wunderbar sind diese 
Jünglinge und Männer! In diesen Tagen habe ich etwa fünfundvierzig 
von ihnen gesprochen. Eben telephonierte mir ein Mitglied des Befreiungs 
komitees, eine uns unbekannte Militärperson, und fragte nach Tschertkow, 
der zur Zeit leider in Petersburg ist; er bat, diesem mitzuteilen, wie glück 
lich er sich fühle, daß ihm die Ehre und die Freude geworden sei, an der 
Befreiung jener wundervollen Menschen Anteil nehmen zu dürfen. Er 
habe ihre Bekanntschaft im Gefängnis gemacht, als er sie über die Ursache 
und die Dauer ihrer Strafe verhörte (wobei sie sich auf Tschertkow als 
ihren Freund bezogen). Er nannte mir einen von ihnen beim Namen — un 
seren guten Freund Koshanow, — einen merkwürdigen, sehr schlichten 
Menschen, der kaum lesen und schreiben kann, aber ungewöhnlich klug, 
lebhaft, unsatirisch-witzig, frohmütig und in allen Lebenslagen sorglos ist, 
sogar seine Richter und Wächter hat er zum Lächeln gebracht. Er 
hatte in Moskau irgendwo als Lakai gedient. Und jetzt, ungeachtet seiner 
tödlichen Krankheit — Lungen- und Darmtuberkulose — soll er immer 
noch ebenso froh und heiter sein. Man hat ihn kürzlich aus dem Tagan- 
schen Gefängnis entlassen. Wo er augenblicklich ist, weiß ich noch nicht, 
hoffe aber, daß man ihn entweder zu uns oder ins vegetarische Speise 
haus schicken wird, wo die Unsrigen sich oft treffen. 
Eben kam unser armer lieber Koshanow zu uns. Mit Mühe hat er 
sich bis hierher geschleppt. Dem Ärmsten geht es sehr schlecht. Er 
hofft zwar, daß er in der Freiheit noch gesunden werde, ich selbst habe 
keine Hoffnung. Es ist furchtbar schade um ihn. Ein bewunderungswür 
diger, ganz seltener Mensch; so nötig für die Sache Gottes! Die furchtbaren 
Qualen haben ihn zugrunde gerichtet. Möge Gott seinen Peinigern ver 
zeihen : sie wußten nicht was sie taten . . . Als er zu mir ins Zimmer trat, 
umarmten wir uns und weinten vor Freude und Schmerz. Sein Aussehen 
ist entsetzlich. Ich erwarte seine Frau und sein Söhnchen. Sie sind immer 
noch nicht aus ihrem Dorfwinkel hier angelangt. Vielleicht herrschen dort 
noch die alten Zustände; die Lokalbehörden einiger Gouvernements, die
	        
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