Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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MENSCHEN / BÜCHER / ZEITSCHRIFTEN 
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Wer ist unser Bruder? Der dies nicht trennt: Schreiben — und: Ein 
Beispiel geben! 
Der Leser hat sich längst mit seinen Schriftstellern abgefunden. Er weiss, 
sie geben kein Beispiel, sie sind keine Führer, sie sind keine Mitmenschen, 
sie sind nicht einmal Kameraden. Sie reichen ihm nicht die Hand, sie halten 
sie ihm nur hin, damit er den Ladenpreis hineinwerfe. Lind diese Menschen 
der Öffentlichkeit sind keine öffentlichen Menschen, sondern Privatparasiten, 
an denen nur das Nachkriechen hinter einer Erfolgsstimmung echt ist (gleichviel, 
ob der Erfolg Rabindranath Tagore oder U-Bootkrieg heisst). Wesen, die 
nie sich hingaben, sondern die nur stets nachschrieben, was ihnen schon vor 
gezeichnet war (sie nennen das „gestalten“). Diese Verräter an allem Zukünftigen 
der Menschheit, die wegen der Massenauflage von ein paar Schlagworten aus 
der schweinischesten Vergangenheit ihre ganze Gegenwart mit allen ihren 
Mitgeschöpfen hündisch Preisgaben. Der Leser weiss seine berühmten Blut 
literaturmacher der Zeitgeschichte längst zu verachten. 
Aber der Mann, zu dem diese Druckzeilen hier nie kommen werden, der 
einfache Mann, der selten liest, der verdeckteres Schreibgewebe nicht entwirren 
mag, der Mann des Volkes? Weiss er, wie Schreiber, welche die öffentliche 
Meinung dichten, ihn in die Geschütze jagten, seine Zimmer ummoderten, 
seine Frauen, Mütter, Väter, Kinder zerhungerten? Weiss er, dass seine Rache 
denen gehört, die mit Philosophie sein Kadaverschicksal umspielten; denen, 
die mit dem „Erlebnis“ seines Zwangstodes erhebende Geschäfte machten; 
denen, die sein Geschick metaphysisch prophezeiten, ohne den geringsten Ver 
such zu helfen und abzuwenden; denen, die — Schriftsteller, Deklassierte, 
Geistige, Kapitalfremde, Ausgestossene, Unterproletarier! — die Hymnen der 
Blutokratie sangen; denen zuletzt, die in ewig schandenvoll lauer Vorsicht: 
schwiegen! 
Schriftsteller, wenn einmal dieser Mann das weiss, dann wehe euch! 
Dann nützen euch, den halben Aufrührern und halben Machtleckern, nicht 
mehr eure Gehirnfluchten. 
Ihr habt euch nie euren Mitmenschen gestellt, nun stellt man euch. Und 
ihr, in der letzten Stunde der Gefahr, in der letzten, jämmerlichen Sorge 
um euren Erfolg ihr, denen es nie ernst war; die ihr stets das öffentliche
	        

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