Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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Haarweibern die Brusthaufen zertrampeln!“ Den Kern finden wir leicht, es 
wird nicht unterschlagen, dass Tinte bitter ist, Leben süss. Er gesteht: „Wenig 
achten mich die Frauen und Mädchen. — Jede magere ausgezogene Ziege 
dünkt sich zu kostbar.“ Er verhöhnt sich selber, weil er „Fleischweiber gierig 
umgirrt, Mastkälber verfrachtet im Bauch“ aber fällt seufzend zurück und 
findet die sehr schönen Verse: „Wie bin ich vorgespannt den Kohlenwagen 
meiner Trauer!“ Widrig wie eine Spinne bekriecht mich die Zeit. — Gras 
schoss aus meinem Schädel, aus schwarzer Erde war mein Kopf.“ Er also, 
der Misanthrop wider Willen, nähert sich diesem Kriege, er lässt ihn nicht 
wirken auf sich, er stellt sich als Kämpfer zu ihm. Hier kommt sehr Starkes. 
Er gewinnt einmal das tollgroteske Bild eines Helden, der „umtost vom vater 
ländischen Geheul, erbleicht, ihn bedrängt im unauslöffelbaren Kessel die 
Blutsuppe. — Der ohnmächtige Charon packt das kleinliche Ruder, zertrümmert 
die Barke, ihm front als Totenschiff ein Ozeandampfer“. Er sieht, wenn nach 
dem grässlichen Erdkrieg der winzige Friede wird, als Resultat nur „das grosse 
Ross,“ den Erzfeldherrn. Und verflucht die lauen Freunde des Friedens, die 
dann noch mit zu Felde geschlagenen Augen hocken werden; das Blutmeer 
der geschändeten Krieger möge sie ersticken. Der Krieger, der auf dem Schlacht 
felde stirbt, der Menschrest, Ameisen in den Wunden, Fliegen im Munde, weiss 
zwar, er hat die Heimat gerettet: „Oh Erde bittrer Schluck, ich bin den 
Leichenweg gegangen, — und ward hier Land gerötet und würgt ich Blut aus 
Wangen, kein Feind springt lebend vor. — Ob mich auch Gott erkor, ich habe 
Menschen getötet!“ 
$ ff red ‘Döbfin 
Oer Gegner 
In jedem Gegner schläft Dein Bruder. Zum mindesten kann er—erweck 
bar— schlafen hinter der Maske des Feindes. Wenn Du die Wahrheit redest, 
menschliche Wahrheit, so muss in jedem das wahrhaftig menschliche Zeugnis 
für dich geben. Wenn Du verstanden wirst. 
Liegt es nicht daran? Liegt es nicht an mir, dass ich nicht die Geduld 
habe den andern zu suchen hinter den Mauern seiner überlieferten Gedanken 
und gedankenloser Überlieferungen, seiner Vorurteile und seiner Fähigkeiten, 
seiner unbewussten Lügen und seiner Eitelkeiten? Wenn ich es nur lernte zu 
unterscheiden. Wie oft wird ein aufrichtiges und williges Herz irre geführt 
durch überlieferte, liebgewonnene, ach und halbwahre Worte. Wer mir nur 
die Macht gäbe meine Stimme zu wandeln, dass sie durchdränge und ver 
standen würde! Wer gibt mir die einfachsten und klarsten Worte? Missver 
ständnisse schaffen die meisten Feindschaften. Missverständnsse über Wege 
und Mittel, da das Ziel deutlich genug ist. Und wer gibt mir den Glauben, 
der auch im Herzen des einst willigen und nun mutlosen Gegners wieder das 
alte, nein ein neues und stärkeres Feuer entzündet? 
Es sind so viele Larven um uns her, die lebendige Gesichter verdecken, 
Gesichter unserer Brüder. Wenn es uns nur gelingt die Larven zu zerbrechen.
	        
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