Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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als Befreier bejubelt hätte. Das waren also die „Rebellen“, die Gottes Tage 
mit Kritik entgegennehmen. Aber die anderen, ungezählten vielen, die im 
Dasein keinen anderen Sinn sehen, als das Dasein selbst, einfache Menschen 
in Dörfern, kleinen Städtchen, Friedliche, die an ihrem alten Dasein klebten 
und alles auf einmal verlieren sollten? Eine ungeheure ungeahnte Wirklichkeit 
trat an sie heran und forderte Platz in ihrem Bewustsein. Söhne marschierten 
in endlosen Kolonnen vorbei, der Boden wurde aufgewühlt, die Luft und die 
Erde bekam eine andere Bestimmung, als den Menschen zu tragen und ihn 
zu erhalten. Bald kamen viele Wagen Verwundeter zurück, lange Reihen zer 
schossener Pferde mit traurigem, unwissendem Blick zogen vorbei, ewiges 
Knallen und Donnern bald näher, bald ferner, — und sie selbst mussten bald 
flüchten, bald arme Flüchtlinge wie sie selbst, beherbergen. 
So vergingen Jahre. Der alte Mann, der im granatensichern Keller Gebete 
sprach, ist schon längst gestorben, aus Gram und Sehnsucht nach seinen 
Kindern; das kleine, auf der Flucht verlorene Kind ist gross geworden und 
nennt die fremden Männer „Vater“; das Mädchen hat den Bräutigam ver 
gessen — die Menschen haben den grausam potenzierten, lebensverkürzenden 
Alltag irgendwie assimiliert. In ferner, unerreichbarer Erinnerung stehen wir; 
wie sie uns, so sind wir ihnen fremd geworden, wie das Rauschen eines 
tropischen Waldes. Wir sind für sie die Glücklichen, wir können uns frei bewegen, 
wir brauchen nicht stündlich das nackte Leben zu verteidigen, wir essen 
irgendwie, wir schlafen in unseren Betten, wir werden zu keiner Arbeit gezwungen. 
So denken sie von uns, den Fernen, Geliebten, und unser Bild verdichtet sich 
für sie zu der Bürgschaft einer besseren Zukunft. Einmal wird der Krieg zu 
Ende sein, denken sie, und dann werden wir sie in ein neues Leben tragen, 
das neue Leben, das wir — während sie litten — aus unserer Überzeugung 
auferbaut haben. Jetzt wissen sie, wie herrlich das Wort Freiheit ist, wie 
köstlich Nicht-Krieg, wieviel wir erreichen können. Sie werden Humus für die 
Zukunft seiif, aber die Zukunft selbst müsse umso strahlender werden. So lange 
im Fegefeuer, — einmal werden wir ihnen die Pforten zum Paradiese öffnen. 
Das denken sie. Denken auch wir daran? wissen wir, dass wir, die nicht vom 
„Krieg direkt Betroffenen“ viel grössere Aufgaben noch haben, als einen 
gelungenen Bajonettangriff, weit stärkere Pflichten, als durchzuhalten... 
1 Trida Cfcßafc 
Q5emain, 
des Henri Guilbeaux mutig unkriegerische Zeitschrift (die im Format und 
Aussenbild Herzogs „Forum“ nachahmt) ist nach mehrmonatlicher Unter 
brechung wieder erschienen. Das ist zu begrüssen. Man mus eine Zeitschrift 
unterstützen, die den Stimmen rechtlich gesinnter, nichtgouvernementaler 
Kriegsgegner aller Länder Resonnanz schafft; gerade wenn diese Resonnanz 
nicht gross ist wie beim Demain (das nach Frankreich und Italien leider 
nicht gelangen kann). Guilbeaux hat die Zwischenzeit gewiss benutzt um
	        

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