Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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sehen dem Mißgeschick seiner Absicht und der allgemeinen Rührung über 
die vollzogene Tat seines leicht siegreichen Feindes. 
Aber das Mißverständnis liegt schon darin, aus diesem Widerspruch 
Schlüsse zu ziehen. Das Mißverständnis liegt schon in der Frage: Kapita 
lismus oder Sozialismus ? Diese Antithese ist Unsinn. Sie existiert gar nicht, 
nicht als Feststellung, und erst recht nicht als Forderung. Denn der Kapi 
talismus ist nur die Systematisierung des auf der Erde befindlichen und 
verschiebbaren «^Wrev/ef», ein ewig zitterndes, ewig erschreckbares « c Wie- 
viel meßr ? — (Wievieß weniger? *, und nur darum mächtig, weil die 
Majorität der Menschen gebannt mit ihm mitzählt. Aber der Sozia 
lismus ist eine Gesinnung, keine Sachsammlung. Seine Weltfrage heißt: 
«fyOie sehr?», und Intensität war noch überall das Manometerzeichen 
des Schöpferischen. Sozialismus ist Erdballbewußtsein; seine Gesinnung 
heißt: Erdballgesinnung. Der Kapitalismus ist das atavistische Angst- 
gebild des alten Einzelmenschen der tief vergangensten Höhlenzeit, des 
relativischen Fatalisten, des Deterministen, des Materienfetisch - Anbe 
ters, der in Blitz und Donner erschreckt den Menschen für ein mecha 
nistisch gebundenes Vegetativgeschöpf der Erdnatur hielt. Ihm war der 
Mensch ein Teil der Erde. Wie ungeistig! Dagegen wie unerhört schöp 
ferisch ist die Hingabe und Projektivität des Sozialismus in die Welt, wie 
unvergleichbar überzeugend. Ihm ist die Erde ein Teil des Menschen. 
Sein kühnstes und doch einfachstes Wort sprach der Sozialpolitiker Sifvio 
Qese(f («Die natürliche Wirtschaftsordnung»): «Die Erde gehört zum 
Menschen, sie bildet einen organischen Teil des Menschen. Die ganze Erd 
kugel, wie sie im Flug um die Sonne kreist, ist ein Teil, ein Organ des 
Menschen, jedes einzelnen Menschen». Wie geistig! Hier ist das Thema 
des neuen Menschen, aus ihm strömt die schwebende freie Polyphonie 
der neuen Zeit. Tausende von Menschen, einander Unbekannte, in allen 
Ländern über alle Grenzen hinweg fühlen diese Worte auf sich zukom 
men wie einen brüderlichen Händedruck. Denn das Stärkste, das sie aus 
diesen Worten hören, heißt: Freiheit und Gemeinschaft! 
Der ganzen Erde muß unser Schöpferbewußtsein und unsere Liebe 
gelten, wenn wir vor unsern Augen auch nur einen ihrer Teile als Völker 
gemeinschaft sehen wollen, ein brüderliches Europa. 
ßudwig ‘Rubiner
	        

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