Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

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REVOLUTIONSTAGE IN RUSSLAND 
{'Briefe aus Cofsiojs Freundeskreis 
Als Anhänger Tolstojs gilt bei uns schon ein Mensch, der Tolstojs Schriften 
liebt. Aber in Rußland ist es einer, der nach seiner Liebe auch handelt. Ohne 
die Tolstojaner wäre die jetzige Revolution nicht so, und nicht so unblutig mög 
lich gewesen. Erst sie haben die Herzen sicher gemacht und die Zungen gelockert; 
sie haben zu den großen Volksschlagworten gegen die Unterdrückung, auch die 
gegen den Krieg unter die Menschen geworfen. Sie taten das, wie es nur un 
endlich wenige Westeuropäer gewagt haben (die dazu noch Parlamentarier 
waren): in voller Öffentlichkeit, laut, und zu jedem Menschen, dem sie begegneten. 
Der große Hochverratsprozeß gegen die Tolstojaner, der vor einem Jahr unter 
der zaristischen Regierung stattfand, erwies, wie unfaßbar stark der Bekenntnis 
mut zum unkompliziert Guten und zum öffentlichen Widerstand gegen die Ge 
walt schon das russische Volk durchdrungen hatte. 
Hier diese Briefe, zur heutigen Revolution Rußlands, kommen aus dem 
Kreise, der die nächste menschlich-geistige Umgebung Tolstojs in seinen letzten 
Lebensjahren bildete. Ihre Verfasserin ist Anna Konstantinowna Tschertkowa, 
die Frau jenes Tschertkow, der als Freund Tolstojs und seinem Willen gemäß 
es durchsetzte, daß Tolstojs Werke, gegen den Wunsch der Familie, frei der 
ganzen Welt gehören, und der heute auch Tolstojs Tagebücher der Öffentlichkeit 
zugänglich macht. 
Die Briefe enthalten über weltgeschichtliche Tage Rußlands Mitteilungen, die 
die russischen Zeitungen nicht veröffentlichen konnten. Das völlig isolierte Ruß 
land, abgesperrt von jeder untendenziösen Nachricht über deutsche Ereignisse, 
schwankt zwischen Skepsis und Hoffnung. Die Andeutungen der Frau Tschert 
kowa über russische Erwartungen sind von intereuropäischem Interesse. 
Aber menschlich am stärksten ist das vorbildliche Wort von jenem jungen 
Tolstojaner, der ernsthaft tätig und aktiv hilfreich mit den Arbeitern ging, und 
,,trotz seiner, ihnen unverständlichen Religiosität ihre Achtung und ihr Vertrauen 11 
hatte. Hier ist ein Ausdruck der wichtigsten Überzeugung unserer Zeit: Daß 
Glaube an den Triumph des Geistigen über Kampf und Gewalt nicht zu vor 
nehmer Abschließung von der Welt führen darf, sondern daß gerade das Wissen 
um Höchstes die außerordentlichste Verantwortung und die Pflicht zur steten 
tätigen Bereitschaft auferlegt. L. R. 
Moskau, 5. März (europ. Datum: 18. März). 
Liebe Freunde, gestern schrieb ich Euch in aller Eile eine Postkarte. 
Heute möchte ich mehr schreiben, wenn es geht. Über die großen Ereig 
nisse allgemeinen Charakters werde ich zwar nicht berichten: sicher seid 
Ihr durch Eure Zeitungen genügend darüber unterrichtet. Ich will Euch 
nur mitteilen, wie diese Ereignisse sich in unseren Kreisen widergespie 
gelt, welche Wirkung sie auf das Schicksal unserer Freunde gehabt haben;
	        

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