Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juniheft)

auch von einigen privaten Beobachtungen, die nicht in die Zeitungen 
gelangen, will ich Euch erzählen. Nicht der Reihenfolge nach, sondern 
das Nächstliegende und für uns Wichtigste. Das ist vor allem die Be 
freiung unserer in den letzten Jahren zum Dienst in Arrestantenkompa 
nien oder zum Zuchthaus verurteilten Gesinnungsgenossen, die jetzt zu 
gleich mit den „Politischen“ befreit worden sind. Noch sind nicht alle 
frei. Die Verzögerung liegt aber nur an einer rein technischen Umständ 
lichkeit. Es gelang nicht auf einmal. Denn die Unsrigen waren als „Kri 
minalverbrecher“ registriert, es galt also erst Erklärungen abzugeben. 
Hie und da wurden sie auch ohne weitere Formalitäten befreit, nachdem 
man festgestellt hatte, daß sie aus „religiösen“ Gründen verurteilt worden 
sind. Immerhin sind noch nicht alle entlassen und noch nicht überall. 
Seit dem 2. März ist die Sache aber in Gang gebracht. Zuerst befreite 
man zwölf Personen aus dem Zuchthaus „Butyrka“. Unter ihnen befand 
sich unsere liebe Olga Wassiljewna Sawaljewskaja. Sie war zu zwei Jahren 
Festung verurteilt worden, ohne Anrechnung der neun Monate Unter 
suchungshaft, weil sie sich nach der Verhaftung unserer Freunde D. P. 
Makowitzky und Bulgakow in Jaßnaja Poljana (wegen eines noch im Herbst 
1914 verfaßten Aufrufs) persönlich an die Gendarmerie in Tula ge 
wandt hatte. Den Aufruf hatte sie zwar nicht unterzeichnet, ihre Zu 
stimmung aber gesondert ausgedrückt; man unternahm eine Haussuchung 
bei ihr und fand drei Exemplare der im Verlag „Erneuerung“ erschiene 
nen Broschüre Tolstojs „Christentum und Patriotismus“. Das Resultat 
war — jenes Urteil des Gerichtshofs (in Tula), der immer bedeutend 
strengere Urteile fällt, als unsere Kreismilitärgerichte. Der „Gerichtshof“ 
ist ein Überbleibsel des alten Regimes aus der Zeit vor den Reformen 
und war von Schtscheglowitow besonders für die politischen Prozesse wieder 
hergestellt worden, er ist eigentlich eine ungesetzliche Institution, 
welche die gesetzlichen Geschworenengerichte ersetzt. Und die Richter 
(drei für jede Session) gehörten zu den eingefleischtesten und wildesten 
Bürokraten, die so stumpf und grausam sind, daß gegen sie gehalten sogar 
Staatsanwälte der Kreismilitärgerichte als sanfte Lämmer und ritterliche 
Ehrenmänner gelten können. 
Diese unsere Olga Wassiljewna also, — ein Mädchen von achtund 
zwanzig bis dreißig Jahren (sie sieht aber älter aus, eingetrocknet, gelb 
lich, schwach), ist ein Typus, der nicht mehr vereinzelt vorkommt, die 
Wiedergeburt der urchristlichen Märtyrerin, von wunderbarer seelischer 
Schönheit, — sanft, selbstlos, unbeirrbar, bescheiden und unendlich rüh- 
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