Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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Wie lange wollen wir uns noch zurückdrängen lassen von den eitlen, brutalen 
Mimen der Gewalt? Wo bleibt unsere Revolution? Wann werden wir 
die ersten Fenster der Tyrannei einwerfen mit den steinernen Worten der 
Selbstbefreiung und Menschwerdung? Wir, die wir mit unsicherer Mär 
tyrerinnenpose uns selber in der Welt, die wir aus uns aufgebaut haben, 
unseren Söhnen, zerstören ließen! Der Begriff vom Wert des Einzelnen, 
von uns selbst, ist uns noch gar nicht gekommen. 
Jede Einzelne darf nicht länger die Geliebte des Mannes, sie muß die 
Geliebte der Menschheit, der Welt sein. Nicht die Mutter einiger Menschen, 
die Mutter aller Menschen. Der Begriff: Mutter ist noch niemals wirklich 
erlebt worden. Die Liebe, die uns immer zur Hemmung wurde, und der 
Geist, den man in uns unterdrückte, sind noch niemals wirklich frei geworden. 
Wir müssen uns eine ganz neue Stellung der Welt und dem Mann gegenüber 
erwerben. Wir müssen uns unsrer Kraft bewußt werden. Der Mann kennt uns 
noch nicht. Er sieht die Frau, wie er sie seit Jahrhunderten festgestellt hat 
und behandelt sie so. Und vielleicht sieht er in vielem recht. Weil unsere 
Entwicklung nicht von innen, sondern von außen kam, sind wir nur das Resultat 
und nicht der Weg. Wir haben im Verhältnis zu ihm gar keine eigene Natur, 
sondern die, die er uns gibt. (Er verlangt, daß wir: er werden.) Wir haben uns 
selbst aufgegeben für jene Andere, die er von uns verlangte. So sind wir immer 
allein geblieben mit unserem Gefühl, das er aussetzte in die Welt und das nach 
Erhörung schrie hinweg über die Jahrhunderte. Wir irrten umher in uns selbst 
und in unsrer Liebe. So konnte es kommen, daß wir uns nebeneinander, von 
einander fortzuentwiekeln begannen in eine gewisse Feindschaft und Ver 
ständnislosigkeit hinein, daß jeder seinen eigenen Weg ging. Die Zukunft 
darf nur mehr einen gemeinsamen kennen. Wir müssen uns erkennen und 
finden vor dem großen Menschheitsgedanken. Arbeiten wir an der Befreiung 
von diesem untermenschlichen Zustand, in dem wir Frauen uns noch be 
finden. Werden wir Liebende und Geliebte zugleich. Nicht mehr dem Staat, 
der Begrenzung dürfen wir gebären, sondern der Welt, der Liebe, dem Geist. 
Nicht mehr der Mann, sondern die Liebe ist uns Erlebnis. Tolstoj lebte 
unsren Glauben. Das Heer der Liebe gegen das Heer des Hasses! 
j- ? Wir, die wir uns unserer Verantwortung schon bewußt geworden sind, 
wir müssen uns zusammenschließen und in Mansarden, Keller, Hinterhäuser, 
Fabriken jeder einzelnen kleinen Schwester die Forderung des Lichtes bringen. 
Denn was nützt die große, öffentliche Geste der Liebe, die nur da ist, um 
gesehen zu werden, wenn die kleine, die irgendwo unbemerkt geschehen 
könnte, unterbleibt?
	        
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