Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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Linie und ihres Atems Ende, Ihr selbst seid Atem jedem gepreßten Ver 
halten und treibt es fort zu seines Glückes Entwachsen. Die alte Geschichte 
der Welt steht still, denn sie ist am Ende. Alle Bildungen in Stein und Farbe, 
die alten, sie reden nicht mehr ihrer Zeiten Lehre, denn der Sinn ward neu. 
Nun aber wird endlich offenbar, wie um alles Verstoßene die große Heimat 
wächst. ^Wir affe sind die Verstoßenen, die ganze Erde ist bevölkert mit Ver 
stoßenen, in allen steht das „wie schaffe ich Heimat allen und mir“. Es ist 
ein Wirken der Güte, aus Ratlosigkeit gegen sich selbst gerichtet. Wer rät 
den Händen, die nach Früchten verlangen und des Baumes nicht gedenken! 
Und den Künstlern sage ich: sie greifen nach Früchten und gedenken 
nicht des Baumes. 
Was sind denn die Werke der Kunst, wenn ihre Transfigurationen im 
selben Blicke nicht die geweihte Skala einer vergeistigten Architektur 
tragen, wenn die Diminutiva alles Körperlichen nicht verpflanzt wurden 
auf Bauvegetationen, als die wahren Übermenschen; wenn das Ich sich 
nicht anzulehnen vermag an die höheren Dienste, die weiter als Verdienst 
und Verlust, weiter als Interessen und Interessengemeinschaften: Bindungen, 
Steigerungen, Gipfel als reife Verrichtungen aus uns wachsen lassen. 
„Wir sind die Wurzeln der Welt“: aus Jedes Herzen springt der Zu 
fluß zum Wurzelstock, aus ihm aber wölbt sich der Stammbaum, den wir 
nähren, und der nun kreisend trägt unseres Werdeträumens Gestalt. Wir 
sind die, die sich im Werdeträumen entzündet fühlen, wir sind die 
Jünger unseres Kindes, die Unmündigen vor unserer Weisheit, wir haben 
den Herren außer uns selber gestellt, aus seinem Herzen ist alle Herrsch 
sucht genommen, sein Gebot hat kein Nein, es ist so neu, wie das Öffnen 
einer lange verschlossenen Tür, es ist einladend wie das Wort der Liebe 
selbst, und vertraut ist es uns, wie Erfüllung unserer treibenden Hoffnung, 
Der Unerwählte, der Herr ohne Vorgänger und Nachfolger ist es, er lebt 
und ist hoch und ist mächtig, durch unseres Lebens Hoheit. Ich nenne 
meinen Herrn wie meinen Zwillingsbruder, doch wie einen, dem ältere 
Weisheit mitgeboren wurde. Aus früherer Frühe kommt sein Deuten, und 
er steht über meinem Anfang und meinem Ende als der vollendete Weg. 
Bruder-Gott, Gott-Bruder, nicht Einer bist Du, sondern vielreich und 
über jedem Wesen himmelentsprossen. Himmel, Du Schein-Einer, fern 
blau bist Du, wie die Erde fern-grau wäre, sähe ich sie aus deiner Ferne. 
Jeglichen Wesens Farbenseligkeit aber ist Deine wahre Tracht, und so 
verstehen wir Nahen der Erde gut all ihr farbiges Leuchtgewirr als ihrer 
vielen Himmel Vorbestimmung.
	        

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