Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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zu erheben, in welchem die Menschheit sich in ihrer wahren Gestalt, als 
Einheit, unversehrt und ungebrochen, findet. Oder aber, wie durch einen 
magischen Zauber geblendet, jene dunklen Mächte des Schicksals gegen 
sich selbst heraufzubeschwören, um von ihnen das zur Einheit bestimmte 
Wesen zerteilen und zerreißen zu lassen. Wie wenn der Erbauer eines 
Hauses die von ihm selbst nach einem einheitlichen Plane zusammenge 
fügten Steine durch einen magischen Ritus beseelte und die beseelten auf 
riefe, aus dem errichteten Bau herauszuspringen und ihn durch ihre Rückkehr 
in ihr früheres Chaos auseinander brechen zu lassen. 
Die letzte Aufgabe des Menschengeschlechts besteht also in seiner 
geistigen Einigung zur Menschheit, durch die Erkenntnis und die Verwirk 
lichung ihres wahren Wesens. Die bewußte Preisgabe seines freien Willens 
zur Einheit, die Selbstentzweiung und Selbstzersetzung durch den schuld 
vollen Mißbrauch seiner geistigen Kräfte — dies und nichts anderes ist der 
Begriff des Krieges. Die unvergleichliche und unverlierbare Gedankentat 
der Propheten des antiken Israel besteht in der Erkenntnis, daß die von 
allen ihren Gegensätzen restlos erlöste und in der ungeteilten Verehrung 
göttlich-menschlicher Sittlichkeit geeinte Menschheit den ewigen Frieden 
selber darstelle und gewährleiste: 
„Gott spricht Recht zwischen den Völkern, 
Zahlreichen Völkern lehrt er Gerechtigkeit. 
Sie aber schmieden aus ihren Schwertern Pflugscharen 
Und Winzermesser aus ihren Lanzen. 
Kein Volk mehr hebt gegen das andere sein Schwert, 
Kriegshandwerk lernen sie nicht mehr.“ (Jesajas) 
Die Trennungen und Grenzen, welche die Nationen zwischen die 
Menschen legen, die Scheidungen der Rassen, Stämme und Staaten sind 
die Hemmungen und Einschränkungen der naturhaften Mächte. Vor dem 
reinen Geiste der Menschheit sind sie Schein und Lüge. Denn die Mensch 
heit ist Einheit mit sich selbst. Aber der uralte, magische Zauber, der aus 
der Schicksalsmacht aufsteigt, entfesselt ihre dunklen Gewalten gegen jenen 
heiligen Geist, blendet den Willen der Menschen, richtet ihn gegen sich 
selbst und stürzt ihn in Verschuldung. Aus der Lüge solcher Trennungen 
wächst das von Blut triefende Gespenst des Krieges und der Entzweiung. 
Durch den Besitz der Vernunft und des geistigen Willens ist die Mensch 
heit mit der Freiheit begabt, den Weg der Selbstvervollkommnung, den 
Weg der Verwirklichung ihrer sittlichen Bestimmung, ihrer Selbstbefreiung, 
den Weg zur Einheit und zum Frieden mit sich selbst einzuschlagen — oder
	        

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