Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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Z) 
kammermörder, der eine Versicherungssumme erlisten wollte; General Booth, 
der Begründer der Heilsarmee; und die Urheber der russischen Revolution 
werden nebeneinander, mit denselben Begriffen, in derselben Schönschrift 
registriert (Das wackelnde Stilleben). Wiegier über die Helferinnen der grossen 
Volksumwälzungen: 
„Die Umstürzlerinnen im Frankreich der Bourgeoisie hat George Sand, die 
Frau von Nohant und Dichterin der „Indiana“ angeführt. Spitz und schrill 
flackert ihre Stimme in Louise Michel fort, dieser in die Luft der politischen 
Kneipen verschlagenen Sand, die mit ihrer Gevatterin das Ressentiment der un 
ehelichen Geburt gemein hat, die versetzte Mütterlichkeit, den geistigen Hoch 
mut, die Symptome der seelischen Erkrankung.“ 
Welch plumpe Demagogie: Das Mittel zieht nämlich heute schon lange 
nicht mehr, eine bedeutende und störend ethisch gerichtete Person dadurch 
entwerten zu wollen, dass man von ihr behauptet, sie sei nur die umgekehrte 
Gartenlaube! 
„Erst die russischen Umstürzlerinnen haben das Beispiel der Bettlerin aus 
Haute-Marne (d. i. Louise Michel) vollendet. Ihr Revolutionstrieb ist der 
Atrophie der Sexualität entsprossen, die jetzt Artzibaschew durch sein papierenes 
Traktat kurieren will. Unterernährt sind die Nihilistinnen, die fiktive Heiraten 
mit fremden Studenten eingehen, um nach der Schweiz vorzudringen, die in den 
Baumwollfabriken von Moskau agitieren oder von den Matrosen in Kronstadt 
sich entjungfern lassen, um als Bordellmädchen sie für die Revolution zu 
gewinnen. Unterernährt ist die „Nihilistin“ der Kowalewska, sind die Sassu- 
litsch, Perowskaja und Larionow Weiche, zapplige Nagetierchen sind 
diese Umstürzlerinnen “ 
Wiegier behauptet also, dass diesen Frauen die Revolution nur Vorwand 
zur Erledigung einer sexuellen Angelegenheit war. — Was uns von diesem 
Menschen trennt, ist durchaus seine alberne Ungläubigkeit vor der erhabenen 
göttlich-geistigen Tatsache, dass jedes wollende Menschenwesen schon 
physikalisch die Welt ändert! „Das hat er“, werden seine Freunde sagen, „vor 
langem, unter dem Entwertungsnachspiel des Misserfolges der rusisschen Re 
volution von 1905 geschrieben. Heute würde er sich wohl hüten.“ Ja, eben 
das wird ihm hier vorgeworfen. Man muss schon am Feuilletonerfolg geschult 
sein, um die Selbstaufgabe des Menschen, seine höchste Liebestätigkeit durch 
Wüsten, Bleibergwerke, Folterkammern, stetes gütigstes Gefahrleiden, nur mit 
einem ganz kleinen Hoffnungslicht im Herzen für die Menschheit — um diese 
heilige Vermenschlichung der zartesten Ideen Unterdrückter: als verdeckten 
Wunsch nach dem Männerbett zu behandeln. 
Jeder sieht, dass es hier nicht um sexuelle Moralfragen geht. Es geht um 
Anerkennung des Geistigen im Menschen, des Willens im Menschen, des Helfers 
im Menschen, des Mitmenschen im Menschen. Die Ablehnung Wieglers ist die 
Ablehnung einer Eingeweidephilosophie; der allerdümmsten, willensfernsten, 
Sklavenhaft passivsten, der allerblödesten Spezialarzt-Tendenz. 
Wieglers Romanphantasie hat sich um das Privatleben der russischen 
Revolutionärinnen gekümmert. Uns andere, uns Mitfühlende ging nur ihr
	        

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