Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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£ffans Siemsen: 
WARTET NICHT LÄNGER 
I. 
99 % aller Kriegsgegner, aller Kriegsfreunde, aller Überrumpelten, Über 
raschten, Überrannten, 99°/o derer die für Europa und gegen Grenzen 
sind, für Recht und gegen Macht, für Gott und gegen diese Welt, gegen 
diese, aber für eine andere Welt, 99 °/ 0 aller anständigen Leute, 99°/ 0 aller 
Kameraden toben seit drei Jahren, solange der Krieg, der sie tot — und 
wach geschlagen, dauert. Täglich enden ihre Betrachtungen, Erkenntnisse 
und Programme mit dem Satz: „Also, wenn der Krieg vorbei ist“, 
oder „Wartet wenige Tage; dann ruht die hellste Drommete. Der Friede 
ist geschlossen. Der Krieg beginnt.“ 
Euch allen, liebe Freunde, keinen Hohn, keinen Vorwurf! Haben wir 
nicht alle uns selber täglich entgegengehöhnt: „Feigling! machtloser, über 
tölpelter von Ministern, Viehhändlern und Feldwebeln, übertölpelter, über 
raschter, ausgelachter, kommandierter Schwächling!“ Dieser Hohn war 
bitter, aber unnütz. Da einsam sich erschießen zu lassen noch schwäch 
licher gewesen wäre, als zu schweigen, und zu leiden. Ich war so schwach, 
so hilflos und unglücklich wie Ihr. Kein Vorwurf also, nichts was Euch 
kränken könnte! 
Aber ein Zuruf: Wacht auf! Seht um Euch! Unsere Zeit ist ge 
kommen. Worauf Ihr gewartet, das ist geschehen. Der Krieg ist beendet. 
Unser Kampf muß beginnen! 
II. 
Der Krieg der anderen ist beendet. Der Krieg in dem wir machtlos 
waren, der Krieg den die anderen, unsere Gegner vorbereitet, gewollt, 
berechnet, geführt haben und führen. Die Chauvinisten, die All-Männer, 
die Militärs, die Regierungen, Kaufleute, unsre nichtsozialistischen Politiker, 
die Mächtigen und Machtgierigen, die Monopolisten des gesetzlich geschütz 
ten Unrechts. Die, deren Reich von dieser Welt ist. Von dieser Welt, die 
wir nicht anerkennen, die wir bekämpfen und die wir ändern wollen und 
werden. 
Sie haben im Kriege durch den Krieg nicht anders und nicht heftiger 
gegen uns und unsere Welt gekämpft als vor dem Kriege. Aber sie haben 
durch ihren Krieg mehr als uns untereinander sich selbst zerfleischt. Sie
	        
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