Full text: Zeit-Echo (3(1917), 1. und 2. Juliheft)

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alle Poren des Denkens, hilflos und schmerzhaft aufdringlich zwang sie 
uns zu zerstören, was wir errichten wollten. Wurden uns Messer aufge 
nötigt, wo wir Bausteine lieber in den Händen hielten. Das neue Ge 
schlecht wirft die Messer weit, denn es ist streng und ernst, Aufrichtig 
keit ist ihm unbedingtes Gebot. Seine Liebe zu den Lebendigen ist rein, 
und die Hände suchen freudig, zu verbinden. Hingegen nichts stellt sich 
als so unernst heraus und verführerisch, wie die Chirurgie des Geistes, 
die alles zurechtschneiden kann. Und jene ungezählten Umlehren, die vor 
unserer verblüfften Zeugenschaft schamlos und geschickt verkündet werden, 
sind reifste Früchte der Psychologie, die zu allen Drehungen sofort ein 
tieferes Recht anbietet. Ihre große Fähigkeit, nie in Verlegenheit zu kommen, 
übertrifft noch maßlos die große Fähigkeit der Weisheit, das letzte Wort 
zu behalten. Das junge Geschlecht aber ist ehrlich und schweigt, wo es 
keine Antwort hat. Und sein Glück, keine Antwort zu vielen Dingen zu 
haben, ist groß. 
In ihm die Daseinsgewißheit des Geistes. Das Hingestelltwerden vor 
die Fragen und die Aufforderung zur Leistung. Geist ist kein empfind 
samer Besitz und Reichtum. Das Herz ist Hingegebenheit, der Geist 
aber täglich neu zu beweisen. Er ist Ereignis, während alles andere in 
uns Geschichte hat und historisches Leben. Wir selbst: schienen uns 
in Überlieferungen ein, es wird immer einmal notwendig. Aber der 
Geist geht unbestimmbar und ohne vorgeschiente Richtung. Es genügt 
nicht, daß er sich an Dinge und Gedanken festigt, sie genießt oder 
zerlegt. Er hat die Pflicht eines heroischen Einsatzes; und nie fühlte ein 
junges Geschlecht so klar wie heute, daß Geist getan werden muß. 
Weiß, daß die Tat lang einsam bleibt, und erwartet es nicht anders — 
selten war geistige Jugend so fordernd und so anspruchslos. Und läßt 
sich nicht mehr zu den Versuchen einer dringenden Wirkung ins Weite 
überreden . . . Endlich und endgültig kam die Erfahrung, wie sehr 
menschliche Werke und die Werke der Reinheit Zeit brauchen für ihre 
Festigung in der Welt. Unzweideutige Taten und die große Bereitschaft 
leuchten lang vorbildlich und vergeblich. Unzweideutig und bereit steht 
das' neue Geschlecht schwankungslos zwischen Enthusiasmus und Ver 
achtung, und wußte nie unbedingter, daß jede Kritik erstes Eingehen auf 
Kompromisse ist. Es lehnt sie ab ohne Duldsamkeit, steht entschlossener 
vor dem Opfer, als vor geteilter Freude. Und geht so weit, daß das 
Leben selbst nicht mehr Tatsächlichkeit, sondern Tat wird, die streng 
und unvergleichlich ist.
	        

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