Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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völlige Menschenfremde eines sogenannten geistigen Führers. Was ist für 
den Freiheitsführer Heinrich Mann ein anstrebenswertes Ziel? Die Ver 
mögensänderung aus der Hand des einen in die Hand des andern. Was 
ist ihm das Erregende, Befreiende, Gefährlich-Radikale, Umstürzlerische 
— mit einem Wort, was ist ihm das Geistige? Lateinlernen. Hält Mann 
selbst das Latein für so wichtig? Nein, aber das Wissen. Doch daß dem 
Romanschriftsteller dies geschehen konnte: Menschenwissen mit Lern 
wissen zu verwechseln, einen Fürsprecher der Menschheit mit einem 
Rechtsanwalt —: Das zeigt den erbärmlich niedrigen Stand der intellek 
tuellen Bürgerlichkeit. Jedes Wort, das diese Gegend sagt, ist ein Miß 
verständnis. Von denen ist nichts zu erwarten. Sie werden immer wohl 
wollend mißverständlich den Ereignissen nachlaufen, die aus anderer Hände 
kommen. Und wenn sie „Freiheit“ rufen, dann meinen sie in Wirklich 
keit nur: Schiebertanz über die Polizeistunde hinaus. — 
Und George, der Seher? Denkt ihr vielleicht an einen Seher im 
Kriege, an einen Amos? der zum Kriege neu ausriefe: „Suchet das Gute 
und nicht das Böse, auf daß ihr leben möget“ und „Hasset das Böse und 
liebet das Gute!“ Aber der Stolz und Ehre von sich weist, und nur das 
letzte Recht des Einfachsten und Ärmsten zum Sagen der Wahrheit 
sich läßt: „Ich bin kein Prophet, auch keines Propheten Sohn, sondern ich 
bin ein Hirt, der Maulbeeren abliest.“ 
Stefan George nennt sich selbst Seher. Da ist eine Vornehmheit, die 
vor Weltklugheit an sich selbst zerspringt. Das Wort zu seinen Leuten 
kommt nicht aus der Menschlichkeitserschütterung eines Propheten, son 
dern aus dem National- und Rassenhochmut eines Hofpredigers: 
„Sein Amt ist Lob und Fehm; Gebet und Sühne; 
Er liebt und dient auf seinem Weg. Die Jüngsten 
Der Teuren sandt er aus mit Segenswunsch . ; . 
Sie wissen was sie treibt und was sie feit . . . 
Sie ziehn um keinen Namen — nein um sich.“ — 
Also der Krieg zur seelischen Selbstbefreiung. 
„Ofin packt ein tiefes Grausen. Die Gewalten 
Nennt er nicht Fabel. Wer begreift sein Flehn: 
,Die ihr die Fuchtel schwingt auf Leichenschwaden, 
Wollt uns bewahren vor zu leichtem Schlüsse 
Und vor der ärgsten, vor der Blutschmach!* Stämme, 
Die sie begehen, sind wahllos auszurotten, 
Wenn nicht ihr bestes Gut zum Banne geht.“
	        
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