Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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nein tausend verpulverte Milliarden, für die den Zins zu erschuften 
den arbeitenden Massen überlassen werden wird . . . Wenn ich nun noch 
das leider nicht zahlenmäßig errechenbare Seelenleid der Hinterbliebenen 
als unbekannte Pauschalgröße hinzunehme, habe ich ein Recht, auf das 
positive Resultat, das dieser ungeheuere Gesamteinsatz zeitigen wird, 
neugierig zu sein.* 
Er betrachtete, mit diesem Gedanken beschäftigt, das von einer 
mächtigen elektrischen Glocke überdachte Klappensystem, das — wie 
das Klappensystem in einer Telephonzentrale mit den Teilnehmern — 
durch elektrische Drahtleitung mit den Toten verbunden war. 
Gift- und Gasleichen und solche, bei denen die Todesursache nicht 
bekannt war, lagen drei Tage unter Kontakt mit dem Weckapparat. Ein 
Erwachungsseufzer, die winzigste Fingerbewegung löste den Kontakt aus. 
Eine Weile saß der Wärter ganz reglos am Tische; er hörte nur 
das Rauschen der Ventilatoren in der Leichenhalle, glitt immer tiefer in 
einen Gefühlstrichter hinunter und kam wieder zu dem alles zusammen 
fassenden Schlüsse: ,Wenn man sich überlegt, daß alle, daß auch die 
kompliziertesten, phantastischsten Scheußlichkeiten, die sich ein Menschen 
gehirn auszudenken vermag, in diesem Kriege begangen worden sind, 
daß man sich keine Grausamkeit ausdenken kann, die nicht begangen 
worden wäre, und daß außer diesem Vorstellbaren zahllose Schand 
taten geschehen sind, die man sich gar nicht ausdenken kann, ist Jeder, 
der im Angesichte dieser Bluttatsache nicht als Protestler im Zucht 
hause sitzt, nicht irrsinnig wird oder sich das Leben nicht nimmt, ein 
robustes, gemeines, erbärmliches Individuum. Ein anständiger Mensch, 
ein Mensch erträgt das Leben nicht, in dem solches möglich ist und 
auch noch als Heldentum gefeiert wird . . . Unter den hundertneunzig 
tausend Kriegsselbstmördern waren — und in den Irrenhäusern und 
Zuchthäusern sind — die anständigsten, edelsten Menschen unseres 
Volkes.* 
Da riß das markerschütternde Läuten der Totenglocke den Wärter 
aus der Tiefe des Gefühlstrichters herauf. Im selben Moment sah er, 
daß eine Klappe gefallen war, sah die Zahl 6. „Einer aufgewacht!“ 
Stürzte hinüber in die Leichenhalle. 
Und wurde, trotz seiner naturwissenschaftlichen Weltanschauung, ,tot 
ist tot; und lebendig ist lebendig* von einem gewaltigen Schrecken in den 
Türrahmen festgenagelt: 
denn zwei Wiedererwachte, der Philosoph und die Ladnerin, die erst
	        

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