Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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vor einer Stunde kurz hintereinander eingeliefert worden waren, saßen 
aufrecht auf den Pritschen. 
Schneller als die Frage: .Sind die Gasleichen vielleicht infolge der 
ganz besonders frischen Ventilatoren- und Eisluft wieder zu sich gekommen?* 
in seinem Kopfe entstand, sprang er zum Sauerstoffapparat, mit den roten 
Schläuchen zu den zwei Wiedererwachten, schob ihnen die Mundstücke 
zwischen die Lippen. „Tief einatmen!“ Und rannte zum Apparat zurück, 
drehte die Kurbel. 
Die mächtige Totenglocke läutete weiter. 
Ein Lächeln, so winzig und fein, als habe er es aus der endlosen 
Ferne des Todes mit herüber ins Leben gebracht, saß zwischen den halb 
geschlossenen Augenlidern des Philosophen. 
Die weißgesichtige Ladnerin hatte das klare Gefühl, daß sie wieder 
bei Bewußtsein war, noch nicht erlangt. 
„Tief . . . gleichmäßig und tief ... einatmen ... und ausatmen . . . und 
einatmen“, bat der kurbelnde Wärter. 
Die summenden Horizontalventilatoren beschirmten das Atemtempo. 
Die achtzehn nicht wiedererwachten Leichen umgaben — wie an den 
Fronten die Helden toten ihre noch mordenden Kameraden — bleich und 
blau, steif und krumm, blutig, totenstill und ungeheuer interesselos die zwei 
Atmenden, 
Der Philosoph war schon bei dem Gedanken angelangt: ,Ich hatte die 
Einberufung bekommen, hatte mich konsequenterweise umgebracht, war ... 
tot im Leichenschauhausegelegen. Das ist ein Vorteil. Jetzt werden sie mich 
wohl in Ruhe lassen. Werden doch wenigstens einen, der von den Toten 
auferstanden ist, in Frieden lassen. Werden doch nicht zum zweiten Male 
versuchen, einen konsequenten Geist in den Kasernenhof zu stellen, um 
ihn für den Menschenmord brauchbar zu drillen. Man hat doch auch 
Christus, nachdem er gestorben und wieder auferstanden war, nicht noch 
einmal gekreuzigt.* Das ferne, kleine Lächeln der Befriedigung steckte 
noch immer zwischen seihen halbgeschlossenen Augenlidern. 
Während er folgsam atmete, saß er in Gedanken schon wieder am 
Schreibtische bei seinem unvollendeten Lebenswerke, dessen Geist und 
Idee dem Kasernenhofgeiste entgegengesetzt waren. 
„Einatmen! Ausatmen! Tief atmen!“ Der Wärter schaltete den Strom 
für den elektrischen Betrieb des Sauerstoffapparates ein, 
sprang hinüber in sein Privatzimmer, um einen leichten Tee für die 
Wiedererwachten zu kochen.
	        
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