Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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Die Totenglocke trommelte immer noch: rufend, alarmierend, ohren 
betäubend. 
Elementarster Lebenswille stand auf in der entsetzten Ladnerin, als 
sie die dunkelvioletten Zungen der Erhängten, die aufgetriebene Wasser 
leiche, den Haufen blutigen Drecks, Gedärme und Knochen erblickte. 
Vom Grauen wurde ihr Oberkörper auf die Pritsche zurückgedrückt; 
sie wandte hilfesuchend die Augen weg vom Tode, nach links, wo das 
Leben aufrecht auf der Pritsche saß, streckte ihre flehende Hand aus. 
Und plötzlich lagen die vom Tode umgebenen zwei Lebenden Hand 
in Hand und senkten Jeder den Blick auf den Seelengrund des Andern: 
der Philosoph aus Freundlichkeit und deshalb, weil ihm zur Schärfung 
seiner Erkenntnisfähigkeit die Menschheitsschande nicht erst plakatiert 
zu werden brauchte, die Ladnerin, um auf dem Grauen nicht in den 
Wahnsinn hineinzugleiten. 
Der Wiedererwachte legte den Schlauch weg; als Philosoph ohne Ver 
dienst und Privatvermögen hatte er sich daran gewöhnen müssen, körper 
liche Schläge schnell zu überwinden. Er beobachtete aufmerksam seine wieder 
folgsam ein- und ausatmende Leidensgenossin: eines der geduldigen, ält 
lichen Mädchen, die, damit ihre glücklicheren Schwestern gepflegt, sorgen 
los und mit äußerlichem Glanze umgeben im Leben stehen können, sich 
für einen Monatsgehalt von hundertzwanzig Mark in die Tretmaschine 
der ewig gleichen Täglichkeiten einspannen lassen müssen und sich ihre 
Brautausstattung — einmal drei Hemden, im nächsten Jahre die Bettstellen, 
dann die Matratzen, hin und wieder ein Stück von der Kücheneinrichtung 
— allmählich anschaffen und endlich, wenn die Haut grau, das Blut schon 
still geworden ist und die Sehnsucht nach dem Wunder schon im Sterben 
liegt, dem Bräutigam in eine nur etwas anders geartete Tretmaschine 
folgen. 
Dieses kleine, armselige Lebensziel hatte der Krieg gefressen: der 
Bräutigam war zerstampft worden. 
,Auf dem Feld der Ehre. Für Deutschlands Weltmachtstellung. Für 
Herrscher und Reich und Erzgruben und Eisenbähnkonzessionen*, dachte 
der Leichenwärter. 
Und der Philosoph dachte: .Zwei sehen einander, werden miteinander 
bekannt. Und heiraten, ohne einander zu kennen. Dreißig Jahre später 
kennen sie einander auch noch nicht. Und wenn der eine stirbt, weiß der 
andere immer noch nicht, mit wem er eigentlich verheiratet gewesen war. 
Denn jeder gibt sich sein Leben lang die größte Mühe, nur ja nicht zu
	        

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