Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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Sprung ins blutnasse Volk machen und gleich den vielen dunklen Volks 
existenzen, die vom Gifte der Organisation verschont geblieben sind und 
deshalb protestierend auf die Straße steigen konnten, zusammen mit den 
vor Machtlosigkeit schon irrsinnig gewordenen, wenigen jungen Dichtern, 
die noch leben, unter beständiger Todesgefahr versuchen, das wegzu 
reden, was seit Jahrzehnten in das Volk hineingeredet worden ist . . . 
Der dritte Weg, den der Stellungsbefehl dem Untertanen aufreißt, existiert 
für mich nicht. Da das tiefste Wort von Jesus Christus: Jede Sünde 
kann euch vergeben werden, nur die Sünde wider den Geist nicht*, sich 
mit meiner Weltanschauung scharf deckt, kann ich nicht in den Kasernen 
hof gehen, oder ins Kriegspresseamt, oder in irgend ein Ernährungsamt. . . 
Ich bin mit einer Ladnerin und mit meiner Philosophie verheiratet. Und 
kann zur Not in ein Christushoch, in ein Sokrateshoch, in ein Kanthoch 
einstimmen. In ein Hindenburghoch oder in ein Kaiserhoch kann ich 
nicht einstimmen; denn ich bin kein Sozialdemokrat.** 
Das Sprechen hatte ihn angestrengt und erregt; ein Abglanz geistiger 
Heiterkeit war nie ganz aus seinem Gesichte verschwunden. 
Und entstand wieder, als er, heftig atmend im vierten Stocke an 
gelangt, seine Frau begrüßte. 
Die scheintot gewesene Ladnerin hatte sich wenig verändert; die 
Spitzenkrause schmückte noch ihren kindlich-dünnen Hals. Und in ihren 
Augen stand der innere Blick, den Menschen haben, die halb dem Tode 
gehören. 
Behutsam führte er seine schon schwangere Frau in den niederen, 
schiefdeckigen Raum, der Wohn-, Schlaf-, Arbeitszimmer und Küche in 
einem war. 
Und sah plötzlich, daß auf dem weißgescheuerten Küchentisch, den 
der Philosoph auch als Schreibtisch benützte, wieder ein Stellungs 
befehl lag. 
Der ungeheure Schrecken, gepaart mit augenblicklichem Erkennen 
seiner Situation, riß ihn sofort auf die reine Fläche, wo alle Dinge und 
Gedanken im schärfsten Lichte stehen, so daß keinerlei Ausflucht, Vor 
spiegelung, Selbstbelügung mehr möglich ist. 
Da fühlte er wieder das furchtbare innere Weinen, das nicht bis in 
sein geistesstarr werdendes Gesicht vordrang. Es glich dem kalten Antlitz 
Gottes, als er dachte: 
,Es gibt zwei Pole: das korrumpierte, krummgenagelte Weltgeschehen und 
das höchste, herrlichste Ziel für den Menschen: das ,Reine Ich* und eine
	        
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