Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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und Arbeitsschweiß kosten, sind ungefährlich, verglichen mit dem, was 
Militarismus ist. Gefährlich und tödlich ist der geistige Zwang, der nega 
tive Geist, der konservierende Kollektiv- und Staatsgeist, der sich gegen 
den Geist richtet . . . Ich werde dir an einem Vorfälle erklären, was Mili 
tarismus ist.“ 
,Er will mir nur deshalb erklären, was Militarismus ist, um mir be 
greiflich zu machen, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als sich umzu 
bringen*, fühlte die Frau und sah schon jetzt ihre armen Ein wände zerflattern. 
„Was ich dir jetzt erzähle, denke ich mir nicht zurecht. Alle Zeitungen 
haben das berichtet: ein deutscher Soldat, der ein Stück von der 
Grenze zwischen Deutschland und der Schweiz zu bewachen hatte, sah, 
wie ein Mensch über die Grenze sprang. Die Pflicht dieses Soldaten war, 
hörst du, seine Pflicht war, gut zu zielen und sofort auf diesen Menschen 
zu schießen, diesem Menschen dadurch, daß er ihn verwundete oder 
erschoß, daß Passieren der Grenze unmöglich zu machen. Das war seine ... 
Pflicht. Aber sein Wesen, sein eigenes Ich stand dunkel auf gegen diese ... 
Pflicht. Er wollte nicht schießen und . . . schoß. Sah, wie der Getroffene 
fiel, sich bäumte und verröchelte. Und wurde . . . wahnsinnig. Der Wider 
stand gegen das Morden muß also sehr stark gewesen sein; aber die Diszi 
plin war noch etwas stärker . . . Hier hast du auf der einen Seite, reprä 
sentiert durch diesen Soldaten, die guten Eigenschaften des Volkes, und 
auf der andern Seite den Militarismus.“ 
Die Frau bewegte die trocken gewordenen Lippen. 
„Du meinst“, sagte der Philosoph, „der Soldat hätte ja nur so zu tun 
brauchen, als ziele er, hätte in die Luft schießen können. Das wäre dann 
sozusagen nur eine kleine Notlüge gewesen. Aber selbst dies lassen die 
Disziplin und das falsche Pflichtbewußtsein, die seit Generationen 
mit allen erdenklichen Mitteln in das Volk hineingepaukt worden sind, 
nicht zu . . . Außerdem trieb den Soldaten auch noch der Wunsch, von 
seinen Kameraden nicht für empfindlich und schwächlich gehalten zu 
werden. Dieses falsche Ehrgefühl, das sich allmählich beim ganzen Volke 
herausgebildet hat, ist das Allergefährlichste. Einem Menschen ohne Besinnen 
einen gutgezielten tödlichen Treffer in den Kopf hineinzujagen, ist eine Ehre; 
ihn nicht zu treffen, ist ein wenig ehrenrührig . . . Dieser arme, be 
dauernswerte Mann will nicht schießen, zielt schnell und genau, schießt, 
trifft gut und wird wahnsinnig. Das ist Militarismus.“ 
„Du mußt hingehen. Vielleicht kommst du nur in ein Bureau.“ Das 
hatten nur ihre Lippen gesprochen.
	        
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