Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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Ob der geduldige Sozialdemokrat mit der marxistischen Vorstellung 
vom „Hineinwachsen der Gesellschaft in den Sozialismus“ arbeitet, oder 
ob die offene Unverschämtheit des Kriegsparteiischen unsere Kata 
strophe als den vorläufig ersten der drei modernen punischen Kriege 
nennt; oder ob ihr den endgültigen Sieg Asiens über den Westen prophe 
zeit: das alles ist Fatalismus. 
Aber Fatalismus ist schlimmer als Böses tun. Fatalismus ist Böses dulden. 
Wer kann das verantworten, seinen Mitmenschen als Opfer für ein 
geschichtsphilosophisches Lehrbuch der Zukunft auszuersehen! (Und einer 
Geschichtsphilosophie, die man in aller Eile jetzt entwirft.) 
Worum handelt es sich in Wahrheit? Um das einfache, gewöhnliche, 
bloße Leben. Um das einfache, gewöhnliche, bloße Menschendasein, das 
unbegriffliche, richtige Menschendasein auf der Erde. 
„Kerls,“ fragte Friedrich II. seine Grenadiere, „wollt ihr denn ewig 
leben?“ Ja, das wollen sie. 
Leben wollen ist etwas Außerordentliches. Leben wollen ist das Höchste 
an Edelmut, an Hingabelust, an Opferfähigkeit. Leben wollen heißt wirken 
wollen. Sich verwirklichen wollen. Der letzte Feigling noch, der mit allen 
Kräften leben will, kämpft diesen erbitterten Heldenkampf gegen eine End 
übermacht, weil er von sich etwas Anständiges erwartet. Es gibt keinen 
Menschen, der bei seiner Geburt nicht mit einer Aufgabe in die Welt 
gesetzt wurde. Einer Aufgabe, die nur er allein erfüllen kann. Diese Auf 
gabe kann nur mit einem einzigen, plumpen, bekannten Wort genannt 
werden. Sie heißt Gemeinschaft. 
Gemeinschaft ist höchste Freiheit des Einzelnen und Raum für alle 
andern. Wo die Gemeinschaft ins Bewußtsein dringt, hat die Macht verloren. 
Heute gegeben ist aber die Gesellschaft. Die Gesellschaft ist da, sie wirkt 
heute. Ihr Wirken ist der Krieg. Die menschliche Gemeinschaft ist noch 
nicht da. Sie ist das Ziel; das, was kommen soll. Die Gesellschaft wirkt 
über uns, wir wirken nicht durch sie. Wir lassen sie geschehen. Das ist 
unsere Sünde. Unsere Passivität hat die Gesellschaft ermöglicht, als einen 
ungeheuren und sinnlos aufgestapelten Haufen von Abfällen des von uns 
Ungetanen. Unsere Gesellschaft ist der Riesenberg von Kehricht, den 
niemand wegschafft, und der in seinem steten Anhäufen uns zu ersticken 
droht. 
Aber die Gemeinschaft muß getan werden. Wir fordern sie. Daher 
fordert sie von uns. Wir müssen sie wollen. Ihr erster Schritt heißt Um 
wälzung. Doch müssen wir schreiten wollen.
	        

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