Full text: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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„Nein! . . . Höre, ein vielleicht noch klareres Beispiel dafür, was Mili 
tarismus ist: ein Soldat bekommt den Befehl, einen siebzigjährigen Bauern 
zu erschießen. Das war in Serbien. Der Soldat weiß nicht einmal, wes 
halb der Alte erschossen werden soll. Der Soldat bekam nur den Befehl, 
in dem stand, daß er den Alten in das zwei Stunden entfern fliegende 
Dorf zu führen und dort zu erschießen habe . . . Sein ganzes Wesen, das 
heißt, sein eigenes Wesen empört sich dagegen, diesen vollkommen wehr 
losen alten Mann zu erschießen; dessen Verbrechen er nicht einmal kennt, 
und der auf dem Wege zwei Stunden lang seine Unschuld beteuert in 
einer Sprache, die der Soldat nicht versteht, und mit Tränen und Ge 
bärden, die der Soldat ungeheuer versteht. Zwei Stunden lang kämpft der 
Soldat, während er neben dem Opfer über Feld geht, mit seinem Gewissen, 
hinter dem starr die Pflicht und die Disziplin stehen. Dieser Soldat hat 
für sich persönlich folgende Lösung gefunden: er schoß zuerst den Alten 
nieder, und dann erschoß er sich selbst. .. Jetzt meinst du vermutlich wieder: 
wenn sein Gewissen, der dunkle, wilde Drang nach Wahrheit, nach seinem 
eigenen Ich, nicht zuließ, den Alten zu erschießen, ohne auch sich selbst 
zu erschießen, hätte er doch wenigstens nur sich selbst erschießen und 
den Alten laufen lassen sollen . . . Aber das wäre ja gegen die Disziplin, 
wäre ja eine Pflichtverletzung und wäre ehrenrührig gewesen. Das eben ist 
der Militarismus. Nicht die Kanonen, sondern der negative Geist des 
Zwanges ist der Militarismus, den der Grenzsoldat und dieser Soldat als 
gegen den Geist, gegen das Gewissen, gegen ihr eigenes Ich gerichtet 
empfunden haben, und den gleich ihnen noch viele empfinden. Diese er 
leiden ein tragisches Schicksal; denn sie erkennen dunkel das vor Gott und 
den Menschen sündhafte dieses Geistes, leiden unter diesem Geiste. Und 
können sich nicht vor ihm retten. Millionen andere — nicht nur die Sol 
daten, sondern das Volk in seiner großen Mehrzahl — haben, zwar nicht 
vor Gott, aber vor ihrem, allerdings nur scheinbar vorhandenen, eigenen 
Selbst — das Recht, im Dienste dieses Geistes zu kämpfen, Menschen zu 
ermorden und selbst zu sterben; denn sie morden in dem guten Glauben, 
nicht zu morden, sondern für ein Ideal zu kämpfen, für ein Vaterland, 
für den Staat, für eine Gemeinschaft, die wert ist, beschirmt und erhalten 
zu werden. Man hat sie von ihrer frühesten Kindheit an mit diesem Geiste 
getränkt und gefüttert, ihr eigenes Wesen, ihr Ich in diesem Geiste total 
ertränkt. Sie sind für ihre Handlungen nicht verantwortlich zu machen. 
Denn sie konnten zu eigenem Denken, zu der Fähigkeit, sich moralisch 
zu entscheiden, konnten zu sich selbst, zu ihrem Ich nie kommen; sie sind
	        
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