Volltext: Zeit-Echo (3(1917), August-September)

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schlagen oder selbst sterben würden für eine Gemeinschaft, deren Geist 
schwer mitschuldig ist an diesem Kriege, durch den bis jetzt zehn 
Millionen Menschen erschlagen worden sind.“ 
„Ich weiß nichts mehr.“ Die Frau hätte schwören können, daß sie 
diese vier Worte nicht gesagt habe. 
„Es könnteaber auch sein, daß ich, eingefügt als meinungsloser Handlanger 
in die Maschinerie dieses höllischen Geistes, den Befehl schreiben müßte: 
,Sie haben den Mann, namens so und so, serbischer Staatsangehörig 
keit, siebzig Jahre alt, nach ... zu führen und ihn dort zu erschießen.* 
Was sollte ich dann tun?“ 
Nach minutenlanger Stille fragte er noch einmal: „Was sollte ich 
dann tun?“ 
Die Frau wußte und gab auch diesmal keine Antwort. Aus ihren Augen 
heraus fragte stumm das ganze Volk: ,Was sollen wir denn tun?* 
In der Stube stand schon die Finsternis. Und in ihr die dunkle Ge 
walt, die den Körper töten kann. 
Da fühlte plötzlich der Philosoph, wie im tiefsten Urgrund seiner Seele, 
im mystischen Punkt, die Flamme entstand, die rapid zur Feuersbrunst 
wurde und seine Bereitschaft, sich wieder protestlos ins Leichenschauhaus 
zu legen, sekündlich verbrannte. 
In ihm stand ein ungeheurer Wille auf: die Bereitschaft eines tödlich 
verzweifelten reinen Geistes, sich der Notdurft der Gegenwart anheim 
zugeben. 
Von dieser Stunde an begann der stürmische Pilgergang. 
Die schwangere Frau hatte nur ein wollenes Brusttuch mitgenommen 
aus ihrer Wohnung, in die sie nicht mehr zurückkehrten. Der Stellungs 
befehl lag auf dem Tische. 
Aus der unvermittelt in ihm entstandenen wilden Hoffnung, daß das 
unmeßbare Leid dreier Kriegsjahre den Aufstieg des Menschenrechtes 
ermöglicht habe, wuchs dem Philosophen die Kraft zu dem Versuche, die 
Herzen der vergewaltigten Menschen aufzureißen und ihnen zu erklären, 
weshalb ihre Arbeit Mord und gegen sie selbst gerichtet sei. 
Seine Stimme hallte durch die Stadtviertel, in denen der Gestank der 
Armut und des Hungers stand. 
Die »Unbekannten*: dunkle Existenzen, aus dem nie versiegbaren Be 
hälter der Volksseele plötzlich emporgestoßen in die ewige Freiheitsidee, 
stiegen auf die Straße. Volk, dem Zwange entrissen, ins Menschentum 
hochgerissen, stieg auf die Straße.
	        
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